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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Altdeutschland

Württemberg: Neudrucke vom Postschalter

Württemberg Michel Nr. 6 a Neudruck
Württemberg MiNr. 6 a Neudruck im Bogen
(Grosses Bild)

      Unter den zahlreichen Neudrucken klassischer Ausgaben ist der Anteil der amtlichen Neudrucke im Vergleich zu den privaten deutlich geringer. Ungewöhnlich und interessant, was Herstellung, Vertrieb und Verwendung angeht, sind die im Mai 1865 hergestellten amtlichen Neudrucke der württembergischen Kreuzerausgaben von 1857 (MiNr. 6–10) und 1859 (MiNr. 11–15).

      Die amtlichen neuen Drucke der ersten Ausgabe (MiNr. 1–5) sind keine Neudrucke, sondern Nachdrucke, da bei ihnen nur das Mittelstück mit der Wertziffer original ist; die vier Schriftbänder wurden neu graviert und zeigen deshalb zahlreiche Abweichungen vom Original. Details finden Sie in der Literatur; ein einfaches Erkennungszeichen sind die vier Zick-zack-Linien, die bei den Nachdrucken jeweils 29 Spitzen haben, bei den Originalen dagegen 32.

      Die Neudrucke von 1865 erschienen zu einer Zeit, als die Original-Ausgabe schon lange nicht mehr gedruckt wurde – sie war aber bis zum 30. 6. 1875 frankaturgültig! Die Neudrucke konnten daher auch zur Frankatur verwendet werden; solche Exemplare sind, bei einer Gesamtauflage von nur 1000 Stück, allerdings extrem selten.

      Wie kann man Neudrucke und Originale unterscheiden? Einfach ist dies bei dem oben gezeigten Bogen: Die Originale wurden in Bögen zu 60 Marken gedruckt; bei den Neudrucken gab es, wegen des grösseren Abstandes der Marken im Bogen, nur fünf Reihen zu je acht Marken.
      An einer einzelnen Marke ist das unter Umständen, bei knappem Schnitt, allerdings nicht festzustellen; wie kommt man dann weiter?

      Die Neudrucke der zweiten Ausgabe (MiNr. 6–10) haben statt des bei der ursprünglichen Ausgabe verwendeten gelben Seidenfadens einen roten Seidenfaden im Papier:

Württemberg: Neudruck der Michel Nr. 7; Vorderseite Württemberg: Neudruck der Michel Nr. 7; Rückseite
Neudruck der MiNr. 7. Beachten Sie den roten Seidenfaden.
 
John Dickinson – Am seidenen Faden

      Das Papier mit eingelegtem Seidenfaden verdanken wir dem in Hertfordshire (England) ansässigen John Dickinson. Er war ein kreativer Papierfabrikant: 1809 erfand er die „cylinder machine“, 1824 den Karton, und 1829 erhielt er ein Patent für das Einlegen von Fäden aus Seide oder anderem Material in Papier – den „Sicherheitsstreifen“ finden wir immer noch in Banknoten.

      Der Begriff Dickinson-Papier ist heute unter Sammlern relativ unbekannt, im 19. Jahrhundert war er Philatelisten aber durchaus noch geläufig. Es gab damals natürlich auch etliche solcher Ausgaben – Bayern, Württemberg, „Strubel“ in der Schweiz –, und diese waren den Sammlern dieser Ära noch gut bekannt.

      Es gibt eine kleine, 32 Seiten umfassende Monographie zum Thema von H. Dagnall: John Dickinson and his silk-thread paper. Das Buch ist 1975 im Selbstverlag des Autors erschienen.

 

      Wie kam es zu diesem „falschen“ Faden? Als man in Württemberg diese Neudrucke herstellen wollte, war das bei den Urdrucken verwendete Papier nicht mehr verfügbar. Auf der Suche nach einem Ersatz wurde man bei den Kollegen in Bayern fündig: Dort gab es noch Papier mit eingelegtem Seidenfaden, aber der Faden war rot! Nach Ohrt stammte das in Bayern verwendete Papier vom gleichen Hersteller wie das früher in Württemberg verwendete Papier, nämlich von der Beck’schen Papierfabrik in Pasing. Bei Köhler finden wir auch noch die Erklärung, warum die Neudruckbogen nur 40 Marken hatten: Das bayerische Seidenfaden-Papier hatte die Abmessungen 22x14 cm mit fünf waagerecht eingelegten Seidenfäden, und das erlaubte eben nur 40er-Bögen. Bei dem 1-Kreuzer-Neudruck veränderte sich die braune Druckfarbe durch die Gummierung; sie drang durch das Papier und gab den Marken eine eher graubraune Tönung. Besonders ausgeprägte Verfärbungen finden Sie um die Seidenfäden herum (s. Abbildung des Bogens oben auf der Seite).

      Eine Ausnahme bildet der 6-Kreuzer-Wert, den es auch mit gelbem Seidenfaden gibt. Hier bleibt dann zur Unterscheidung, wie bei allen Neudrucken der dritten Ausgabe, nur das notorisch schwierige Kriterium „Farbe“: Müller-Mark beschreibt die Farbe des 6-Kreuzer-Neudrucks als „giftig gelbgrün“ und schreibt zu allen Farben des Neudrucks der dritten Ausgabe, sie seien „wie zerflossen, gleich als wären sie zu dünn angerieben, zu wässerig gewesen“. Sie ahnen es schon: Zur halbwegs sicheren Identifizierung ist der Vergleich mit Marken der Originalausgabe fast unerlässlich.

      Die Ausgaben von 1857 und 1859 wurden ausserdem noch auf private Veranlassung (mit amtlicher Genehmigung) für den Engländer Faiburn von der Druckmaterialienverwaltung der Verkehrsanstalten in Stuttgart im Mai 1865 neu gedruckt. Von diesen Neudrucken wurde nur der 1-Kreuzer-Wert hergestellt, mehrheitlich handelte es sich dabei um Phantasiedrucke in Farben, die bei den Originalen nie verwendet wurden. Interessant ist der Neudruck der Ausgabe 1857: Er wurde auf Papier mit grünem Seidenfaden gedruckt.
      Wo kam der grüne Faden her? Der Neudruck-Spezialist Ohrt und der Württemberg-Experte Köhler sind sich hier nicht ganz einig:

      Papier mit grünem Seidenfaden wurde bei den schweizerischen „Strubeln“ verwendet (und diese wurden teilweise in München gedruckt!). Köhler nimmt an, dass man sich in Württemberg entsprechendes Papier von der schweizerischen Postverwaltung beschafft habe, während Ohrt es logischer findet, dass die Kollegen in Bayern, die ja schon einmal geholfen hatten, das bei ihnen vorhandene schweizerische Papier grosszügig an die Württemberger weiter gegeben hätten. Wie auch immer: Wenn Ihnen ein 1-Kreuzer-Neudruck mit grünem Seidenfaden begegnet, handelt es sich um einen jener halbamtlichen Neudrucke – bei den amtlichen Neudrucken gab es das nicht.


Spezialisierte Literatur macht sich bezahlt …

      Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ist jeder Franken oder Euro, den man in Fachliteratur investiert, gut angelegtes Geld. Der oben gezeigte Neudruckbogen ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür:

      Angeboten wurde dieser Bogen als „Neudruckbogen der MiNr. 6 b“. Nun bin ich, was Farben angeht, immer etwas vorsichtig; der Michel „Deutschland-Spezial“ bezeichnet die Farbe des Neudrucks „a“ als rötlichbraun, die des „b“-Typs als hellgraubraun, aber es gab eben gerade bei dieser Wertstufe ein Problem mit der Farbe (s. o.).

      Ein ganzer Bogen hat einen grossen Vorteil: Man kann alle bei einer Ausgabe bekannten Plattenfehler finden. Ich suchte also nach dem einzigen Plattenfehler, den Molfenter/Luther beim Neudruck der 6 b beschreiben. Den fand ich nicht – aber alle vier beim 6 a-Neudruck beschriebenen Plattenfehler an den „richtigen“ Bogenpositionen. Um einen Schweizer Politiker zu zitieren: Freude herrscht! (Der Neudruck der 6 a ist im Michel mehr als drei Mal so teuer wie derjenige der 6 b notiert.)
      Ich zeige Ihnen hier die vier Plattenfehler und die entsprechenden Bogenpositionen:

Neudruck der Michel Nr. 6 a – Bogenschema und Position der Plattenfehler
Schematische Darstellung des Bogens des Neudrucks der MiNr. 6 a
mit den Positionen der unten näher beschriebenen Plattenfehler

 

Neudruck der Michel Nr. 6 a – Plattenfehler Bogenposition 10 und 15
Plattenfehler Bogenposition 10: Im linken unteren Viereck zwischen Stern und rechtem Rand senkrechter weisser Strich
Plattenfehler Bogenposition 15: Zwischen der „1“ und dem „K“ von „KREUZER“ weisser Punkt und kleiner weisser Strich über dem Stern unten rechts
Neudruck der Michel Nr. 6 a – Plattenfehler Bogenposition 16 und 29
Plattenfehler Bogenposition 16: Links von der „1“ schräger weisser Strich
Plattenfehler Bogenposition 29: Auf Höhe des „EU“ von „KREUZER“ Ausbruch aus der linken äusseren Randlinie

(Plattenfehler nach Molfenter/Luther)


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 24. Januar 2006.


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