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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Brasilien

Die „Ziegenaugen“ („Inclinados“)

Brasilien „Ziegenaugen“ 10 und 30 Réis
„I am really convinced that they are the true ‚Jewels of the Crown‘ within the Brazilian imperial period.“
(Ich bin wirklich überzeugt, dass dies die echten „Kronjuwelen“ des brasilianischen Kaiserreichs sind.)
Roberto C. Puccinelli Jr.
Brasilien „Ziegenaugen“ 60 und 90 Réis

      „Die Ziegenaugen haben im Gegensatz zu ihren Vorgängern lange Jahre im Schatten der philatelistischen Diskussion gestanden“ schreiben Maassen/Wittig. Tatsächlich hat die 1844 bis 1846 erschienene zweite Markenausgabe Brasiliens nie die Popularität der ersten Ausgabe, der „Ochsenaugen“, erreichen können.

      Sieben Wertstufen gibt es, die sich preislich gewaltig unterscheiden: Die drei kleinsten Werte (10, 30 und 60 Réis) sind für wenig Geld zu haben, der mittlere Wert (90 Réis) kostet auch einen mittleren Preis, und die drei Spitzenwerte (180, 300 und 600 Réis) sind mit Preisen bis € 7000,– (600 Réis ungebraucht, Michel Online, Stand Dezember 2015) den eher kapitalkräftigen Sammlern vorbehalten. Aber wir wollen hier ja nicht von Geld reden, sondern vom Reiz klassischer Philatelie, und da hat diese Ausgabe, auch und gerade bei den kleinen Werten, Einiges zu bieten.

      Zunächst ist ja schon die Ausgabe dieser Marken überhaupt interessant, denn die ersten drei Wertstufen (30, 60 und 90 Réis) erschienen gerade einmal 11 Monate nach den „Ochsenaugen“, also am 1. 7. 1844; genau ein Jahr später, am 1. 7. 1845, kamen die Werte zu 180, 300 und 600 Réis. (Der 10-Réis-Wert erschien erst am 16. 10. 1846 als spezielle Portostufe für Zeitungen.) Warum diese schnelle Ausgabe einer zweiten Serie?
      Maassen/Wittig führen mehrere Gründe auf:

  1. Die Gummierung der „Ochsenaugen“ war nicht sehr haltbar, Marken konnten leicht vom Papier abgelöst und, bei nur schwach erkennbarer Abstempelung, zum Schaden der Post erneut verwendet werden.
  2. Wegen des grossen Formates gab es bei hohen Portostufen schlicht „Platzprobleme“ auf den Briefumschlägen, und …
  3. … eben dieses grosse Format erlaubte ausserdem nur den Druck einer begrenzten Anzahl von Marken auf einem Bogen.
  4. Die häufig erforderlichen Nachbearbeitungen der Druckplatten wurden auf die Dauer teuer.

      Die neue Markenausgabe sollte diese Probleme lösen: Die Marken waren kleiner (2. und 3.) und wurden auf dünnerem Papier mit anderem Gummi gedruckt (1.). Die Ausgabe der hohen Wertstufen half, die Probleme 2. bis 4. zu lösen.

      Auch diese Marken wurden im Stichtiefdruck von Kupferplatten gedruckt. Die Druckbögen sind sehr ungewöhnlich: Die ersten drei Werte (30, 60 und 90 Réis) wie auch der 1846 erschienene Ergänzungswert zu 10 Réis wurden in Bögen zu 9 x 17 (153) Marken gedruckt. Die 1845 verausgabten hohen Wertstufen wurden in der gleichen Bogenanordnung gedruckt, wobei immer drei Marken eines Wertes nebeneinander standen; Zwischenstege gab es bei keinem dieser Bögen:

Brasilien „Ziegenaugen“ Platte für die kleinen Werte Brasilien „Ziegenaugen“ Platte für die hohen Werte
Bögen der niedrigen (links) und hohen (rechts) Werte der „Ziegenaugen“

      Diese Druckbögen hatten exakt die gleiche Grösse wie die bei den „Ochsenaugen“ verwendeten, nämlich 22 x 31 cm. Der Abstand der Marken im Bogen ist bei den „Ziegenaugen“ sehr gering, breitrandige Stücke sind entsprechend selten.

      Auch bei den „Ziegenaugen“ wurden philatelistisch wertvolle Erkenntnisse erst viele Jahre nach der Ausgabe gewonnen. Dem Michel Südamerika-Katalog können Sie nur den Hinweis entnehmen, dass es von MiNr. 5–7 (das sind die 30-, 60- und 90-Réis-Werte) jeweils zwei Typen gibt, Sie finden aber keine Details. Die RHM- und Meyer-Kataloge wie auch das Buch von Maassen/Wittig beschreiben diese Typen allerdings detailliert, und dort finden Sie auch die Angabe, dass der 90-Réis-Wert sogar in 3 Typen (I, II, IIa) vorkommt. „Type IIa tritt […] am häufigsten auf und wird hierzulande – aus Mangel an besseren Informationen – stets als Type II bezeichnet.“ (Maassen/Wittig)

      Herr Wittig hat mir freundlicherweise Detail-Abbildungen der verschiedenen Typen zur Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt – merci!

Brasilien „Ziegenaugen“ Typen der 30 Réis
Brasilien „Ziegenaugen“ Typen der 60 Réis
Brasilien „Ziegenaugen“ Typen der 90 Réis
Alle Abbildungen Copyright © Karlheinz Wittig,
mit freundlicher Genehmigung hier verwendet

      Diese Typen-Unterschiede im Markenbild sind deutlich und auch ohne Lupe erkennbar. Trotzdem dauerte es rund 90 Jahre, bis sie erstmals in der philatelistischen Literatur beschrieben wurden (1).

      Neben diesen Typen-Unterschieden verdient gerade bei den „Inclinados“ das Papier besondere Beachtung. Es gibt Marken, die auf dem Papier der „Ochsenaugen“ gedruckt wurden; zur genauen Bestimmung ist ein Mikrometer zur Messung der Papierdicke unerlässlich. Einen sehr lesenswerten Erfahrungsbericht eines Philatelisten (in englischer Sprache), nämlich des eingangs zitierten Herrn Puccinelli, der eher zufällig in den Besitz einer grossen „Ziegenaugen“-Rarität kam, fanden Sie auf einer → brasilianischen Site (Link zur Wayback Machine; s. Bemerkung auf der Seite über die Ochsenaugen).


Fussnoten:

  1. 30 Réis: Thut 1934; 60 Réis: Flatau 1939; 90 Réis Emerson / Napier 1939, Typ IIa Ferreira 1967

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 7. November 2010.


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