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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Grossbritannien

Portofreiheitsvermerke (Free Franks)

Einleitung

      Dass die Portofreiheit für bestimmte Personen und Organisationen zwar für die Betreffenden eine gute Sache, für das Postwesen insgesamt aber nur ein sehr lästiger Kostenfaktor war, habe ich bereits in der Einleitung zum Gebiet Grossbritannien ausgeführt. Ihre Abschaffung war daher ein zentraler Punkt der Hill’schen Post Office Reform.

      Immerhin hatte sich das Portofreiheitsprivileg rund 200 Jahre gehalten; die entsprechenden Stempel und Vermerke sind in der Postgeschichte als Free Franks bekannt. Wichtig für die Gewährung der Portofreiheit war die eigenhändige Unterschrift der so privilegierten Person, und so wurden diese Belege zuerst für Autographensammler interessant, lange, bevor man sich für Postgeschichte interessierte. Eine Originalunterschrift etwa von Lord Byron oder einem Bischof war interessant (Bischöfe waren durch ihr Amt Mitglieder des Oberhauses), nicht der Brief. Vielfach wurden daher die Briefvorderseiten als eigentliche Sammelobjekte abgetrennt und der Rest weggeworfen. Solche Briefvorderseiten sind unter Sammlern als Free Fronts bekannt.

Free Front
Briefvorderseite (front of entire), datiert 30. November 1838, vom Bischof von St. Asaph.
Einkreisstempel (morning service); kein Kreuz unter dem Datum (s. Text).

 

Free Franks – Der Anfang

      Alles begann im Jahr 1652. Der Council of State verfügte, dass „all public packets, letters of Members of Parliament, of the Council, of officers in the public service and of any persons acting in a public capacity should be carried free“. Ab 1693 wurde erste Kritik an diesem System wegen verbreiteten Missbrauchs laut, und eine Fülle von Gesetzen und Verordnungen in der Folgezeit  – bei Lovegrove findet man eine ausführliche Zusammenstellung – sollte helfen, diesen Missbrauch einzudämmen. Dazu gehörten beispielsweise
•  1734 eine Royal Proclamation, welche das Höchstgewicht auf zwei Unzen begrenzte und festlegte, dass die gesamte Adresse handschriftlich vom Absender stammen musste,
•  1784 ein Franking Act, der die Angabe von Postort und Datum verlangte; ausserdem musste sich der Absender zum Zeitpunkt der Aufgabe in einem Umkreis von 20 Meilen um den Aufgabeort befinden,
•  1795 eine Bestimmung, dass der Absender sich am Tag der Aufgabe oder unmittelbar vorher in besagtem 20-Meilen-Radius aufzuhalten hatte; die Anzahl gebührenfrei zu empfangender Briefe wurde auf 15 pro Tag beschränkt.

Free Frank 1691 Free Frank 1691

      So einfach war das: Dieser älteste Portofreiheitsbeleg in meiner Sammlung aus dem Jahr 1691 stammt von William Brockman, der den Wahlkreis Hythe im Unterhaus von 1690 bis 1695 vertrat. Ein schlichtes „Frank/Willm. Brockman“ genügte, um den Brief portofrei zu versenden. Auf der Rückseite des Briefes findet man einen frühen Typ des Bishop-Stempels.

 

Free Franks – Die Stempel

      Rund 100 Jahre lang genügte die Unterschrift mit dem Vermerk Frank; es sind auch Briefe bekannt, bei denen der Absender nicht einmal unterschrieb, sondern sich darauf verliess, dass sein Siegel eine ausreichende Autorisierung darstellte.

      Der erste bekannte Stempel des London Office Franking Department wurde auf einem Brief vom 14. Mai 1764 gefunden (1). Es handelte sich bei diesem ersten Typ um einen einfachen Kreisstempel mit dem Wort FREE; das „F“ war also grösser geschrieben als der Rest des Wortes. Dieser 18 mm grosse Stempel wurde durch einen 20 bis 28 mm messenden Stempel ersetzt, bei dem die 6 bis 8 mm grossen Buchstaben des Wortes FREE alle dieselbe Grösse hatten.

Free-Stempel

      Bis ich Ihnen hier Originale zeigen kann, soll diese Schemazeichnung Ihnen einen Eindruck von den ersten „FREE“-Stempeln geben.

      Die „zweite Generation“ der Free-Stempel beinhaltete einen Kennbuchstaben zur Bezeichnung des verantwortlichen Inspector of Franks (Lovegrove nennt diesen Typ FREE with an initial), gefolgt von den ersten – immer noch kreisförmigen – Stempeln mit einer Datumsangabe (Lovegrove: Three Ringed Dated FREE Stamps). Nach weiteren, eher experimentellen Stempeltypen kamen dann ab 1807 bis zum Ende der Portofreiheit die Crown Circle Frees in Gebrauch.

      Von diesem Haupttyp gibt es sehr viele Varianten, die teilweise nur kurze Zeit in Gebrauch waren. Zwei grundsätzliche Merkmale haben diese Stempel gemeinsam: Es gab Einkreis- und Zweikreis-Stempel, wobei die Variante mit einem Kreis die Morning Duty, die mit einem doppelten Kreis die Evening Duty kennzeichnete. Bei steigendem Bedarf richtete die Post zusätzliche Dienste ein (additional morning/evening duty), die durch einen Stempel mit einem Kreuz unter der Jahreszahl gekennzeichnet wurden. Beispiele zeigen die folgenden Abbildungen.

Free-Stempel Brief von Guisborough (Yorkshire, abgekürzt als „Gisbro“) nach London vom 5. November 1823. Handschriftlich datiert und signiert von R(obert). Chaloner (Abgeordneter für York). Einkreisstempel für morning duty vom 7. November.
Free-Stempel Ortsbrief innerhalb Londons vom 13. Oktober 1824. Handschriftlich datiert und signiert von Lord Carrington. Doppelkreisstempel für evening duty.
 
(Der Absender dieses Briefes war der erste Lord Carrington – geboren wurde er als Robert Smith. Der ehemalige britische Aussenminister ist der sechste Lord Carrington.)
Free-Stempel Brief von London nach Sheffield vom 3. August 1835. Handschriftliche Angaben des Marquis of Bute. Doppelkreisstempel mit Kreuz unter dem Datum für additional evening duty.
Free-Stempel
Brief von London nach Newcastle-upon-Tyne vom 5. Mai 1839. Handschriftliche Angaben von W(illia)m Turner, Abgeordneter für Blackburn. Einkreisstempel für morning duty vom 6. Mai. Zusätzlich Sonntagsstempel (s. dazu auch Sonntagsstempel auf Mulready-Umschlag) vom 5. Mai.
 
Briefe durften nicht später als am Tag, an dem sie datiert waren, aufgegeben werden. Da ein an einem Sonntag eingereichter Brief erst am nächsten Tag bearbeitet wurde (hier: Differenz 5./6. Mai), wurde zur Erklärung dieser Verzögerung der zusätzliche Sonntagsstempel angebracht.

 

Free Franks – Stempel ausserhalb Londons

      Alle bisher gezeigten Stempel gehören zum Londoner Franking Office. Solche Büros und entsprechende Free-Stempel gab es aber auch an anderen Orten; wegen ihrer attraktiven Gestaltung bekannt sind z. B. die Dubliner „Mermaid“-Stempel. Einen solchen habe ich bisher nicht in meiner Sammlung; ich kann Ihnen nur einen Crown/Free-Stempel aus Dublin aus der Ära zeigen, als die Meerjungfrau aus dem Stempel verschwunden war. Das Design mit der Krone lehnt sich an den Londoner Typ an:

Free-Stempel Brief von Dublin nach Liverpool vom 18. Februar 1830. Handschriftliche Angaben von Standish O’Grady (Abgeordneter für Limerick). Stempel in dieser Form mit roter Tinte von 1819 bis 1831 verwendet.

      Das Gebiet der Free Franks ist damit noch lange nicht umfassend dargestellt; es gibt noch zahlreiche weitere Themen und Gebiete, in denen solche Stempel verwendet wurden. Bei Lovegrove findet man beispielsweise noch die Free Franks At Sea, die Portobefreiung für wohltätige Organisationen (Charities), die Foreign Branch Frees oder die Free India Packet Letters. Diese Belege und Stempel sind teilweise sehr selten.
      Auf jeden Fall sind die Free Franks, die „Cinderellas of Postal History“ (2), ein ausserordentlich interessantes Kapitel der britischen Postgeschichte. Bei mir wird allmählich eine Sammlung daraus …


Fussnoten:

  1. Datum nach Lovegrove, der dazu das Postal History Bulletin No. 16 vom Dezember 1940 zitiert. Bei Brumell wird ein Brief vom 12. April 1766 genannt, aber sein Buch erschien auch schon 1936.
  2. Sydney Raine, persönliche Mitteilung, zitiert bei Lovegrove.

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 2. September 2013, letzte Bearbeitung am 2. September 2013.


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