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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Grossbritannien

Einleitung zu den klassischen Ausgaben – Teil 2

GB Ausgabe 6. Mai 1840
 
6. Mai 1840: Mulready-Umschlag – die erste Ganzsache der Welt (1)

 

Herbst 1839: Die Penny Postage Bill und ein Wettbewerb

      Die Geschichte der auf Hills Vorschlag folgenden öffentlichen und parlamentarischen Debatten würde den Rahmen dieser Einführung sprengen; Sie finden sie im Detail in der Literatur. Wichtige Daten sind der 18. Juli 1839, an dem die Penny Postage Bill im Unterhaus verabschiedet wurde (das Oberhaus folgte noch im selben Monat), und der 16. September 1839, an dem Rowland Hill seine Tätigkeit im Schatzamt aufnahm. (Da Steuereinnahmen von diesem Projekt berührt wurden, war der Schatzkanzler und nicht die Post dafür zuständig und verantwortlich.)
      Diesem Stellenantritt waren noch längere Diskussionen vorausgegangen: Hill erreichte nicht die unabhängige Position, die er sich gewünscht hatte – er wäre gerne dem Premierminister direkt unterstellt gewesen –, sondern konnte nur dem Schatzkanzler Vorschläge unterbreiten, aber er bekam die notwendige Unterstützung, die ihm erlaubte, die Umsetzung seiner Reformen voranzutreiben.

      Noch bevor Hill seine detaillierten Pläne am 7. November 1839 offiziell vorlegte, startete das Schatzamt am 23. August einen Wettbewerb (Treasury Competition) für die Umschläge und Marken, deren grundsätzliche Einführung ja bereits beschlossen war. Die Resonanz auf diesen Wettbewerb war gewaltig: Bis zum Einsendeschluss am 15. Oktober gingen rund 2600 Entwürfe ein – mehrheitlich übrigens für Umschläge, nicht für Marken!

      Keiner dieser Vorschläge wurde schliesslich umgesetzt, aber die Initiatoren bekamen wertvolle Anregungen; das Portrait der Königin als Motiv und die Verwendung von Wasserzeichenpapier für die Briefmarken (wie wir sie von nun an nennen wollen) z. B. waren von Teilnehmern des Wettbewerbs vorgeschlagen worden.
      Nachdem keiner der vorgelegten Entwürfe Gnade vor den Augen der zuständigen Kommission fand, wurde der damals bereits berühmte Künstler William Mulready beauftragt, den Umschlag zu entwerfen. Das Ergebnis ist bekannt und kann nur als katastrophaler Fehlschlag bewertet werden: Mulready kreierte innerhalb von zwei Tagen ein Design, das so mit allegorischen Darstellungen überfrachtet war (s. „Die Mulready-Umschläge“), dass die Öffentlichkeit diese Umschläge einfach nur lächerlich fand. Es existieren heute noch liebevoll handkolorierte Mulready-Umschläge, aber ebenso eine grosse Zahl von Karikaturen. (Die beste Übersicht dazu finden Sie bei Evans; s. Literatur unten auf dieser Seite.) Hill war sehr betroffen über diese Entwicklung; er hatte die Zukunft immer eher in den Umschlägen als in den, von ihm eher beiläufig mit erwähnten, Briefmarken gesehen.
      Wer weiss: Hätte man damals einen etwas seriöseren Entwurf gewählt, wäre der im voraus bezahlte Umschlag und nicht die Briefmarke vielleicht der weltweite Standard im Postverkehr geworden? Als man die „Mulreadys“ endlich durch einen zeitgemässen funktionellen Entwurf ersetzte, im Januar 1841, hatte der Siegeszug der Marke jedenfalls bereits begonnen; die Umschläge erreichten nie die Bedeutung, die Hill sich für sie vorgestellt hatte.

 

Die Erfindung der Briefmarke: Hill oder Chalmers?

      Eine eher unschöne, weil letztlich ebenso kleinliche wie bedeutungslose Randnotiz im Zusammenhang mit der Einführung der Briefmarke soll nicht unerwähnt bleiben; sie war Anlass für fast hundert Jahre dauernde erbitterte Diskussionen zwischen der Hill- und der Chalmers-Fraktion innerhalb der Postgeschichtler.
      James Chalmers aus Dundee hatte ebenfalls aufklebbare Zettelchen zur Vereinfachung des Briefverkehrs vorgeschlagen. Die Diskussion begann mit einem Buch, das sein Sohn Patrick Chalmers 1871 veröffentlichte, in dem darauf hingewiesen wurde, dass James Chalmers schon 1837 letztlich die Erfindung der Briefmarke vorweg genommen habe.
      Das mag stimmen, ist aber, wie ich oben schrieb, bedeutungslos: Bereits seit etwa 1700 wurden Stempelmarken (wir würden sie heute Fiskalmarken nennen) auf offiziellen Dokumenten verwendet, die im Grundsatz genau das waren, was man später als Briefmarke kennenlernte. Chalmers’ Beitrag war also richtig, aber keineswegs originell. Ausserdem war eine 1837 erfolgte Erwähnung von Briefmarken allenfalls anekdotisch einzuordnen: Wo hätte man sie denn aufkleben sollen?
      Das Verdienst von Rowland Hill war ja gerade, wie in Teil 1 dieses Beitrags erwähnt, nicht (nur) die Einführung der Briefmarke – die ohnehin nur eine eher ungeliebte Alternative zu den eigentlich von ihm favorisierten Umschlägen war –, sondern das Erstellen eines in sich durchdachten und schlüssigen Gesamtkonzepts zur Reform des Postwesens. Einen solchen umfassenden Plan hat Chalmers allerdings nie vorgelegt.

 

Der Weg zur Penny Post: 4 – 2 – 1

      Schauen wir uns also an, wie Hill bei der Umsetzung seiner Postreform vorging; zwischen Herbst 1839 und Frühjahr 1840 verlief die Entwicklung rasant:
      Am 5. Dezember 1839 wurde ein neuer, vereinfachter Posttarif in Kraft gesetzt, der die Beförderungsgebühr für im Voraus bezahlte Briefe bis zu einer halben Unze Gewicht innerhalb Londons auf einen Penny, im übrigen Postgebiet für Entfernungen bis zu acht Meilen auf zwei Pence, darüber hinaus auf vier Pence festsetzte.
      Das war natürlich noch nicht der angestrebte Einheitstarif, aber Hill sah das Ganze auch eher als einen ersten Schritt, um die Mitarbeiter der Post auf das neue System einzustimmen. Insbesondere die Vorauszahlung des Portos war hier die entscheidende Neuerung; Hill versprach sich davon eine deutliche Beschleunigung der Zustellung und dachte sogar daran, dass möglicherweise jedes Haus einen Kasten für die Post haben würde, so dass die Zustellung nur noch von der Laufgeschwindkeit des Zustellers abhängen würde – die Idee des Hausbriefkastens war geboren.

      Diese „Uniform 4d Post“ gab es nur etwas mehr als einen Monat lang (was Briefe mit den teilweise in dieser Zeit verwendeten „4“-Stempeln relativ selten macht); Hill fand das Ergebnis seines Feldversuchs so überzeugend, dass sehr schnell der nächste und entscheidende Schritt folgte:
      Am 10. Januar 1840 wurde Hills Traum Wirklichkeit; seine Reform wurde mit der Einführung der Penny Postage endlich umgesetzt. Das war immer noch rund vier Monate vor Einführung der Briefmarke; Willcocks schreibt dazu „This is the vital date; 6 May (beloved of stamp collectors) is of very little importance.“ Dieser 10. Januar brachte – endlich – noch eine einschneidende Änderung: An diesem Tag entfielen sämtliche Portofreiheits-Privilegien. Da Königin Victoria und ihr Haushalt mit gutem Beispiel vorangingen, wurde das problemlos akzeptiert. Der neue Tarif erwies sich als enorm erfolgreich und brachte die erhoffte Vermehrung des Briefverkehrs. Der Rest ist Geschichte …


Fussnoten:

  1. Korrekt wäre eigentlich „die erste frei verkäufliche Ganzsache der Welt“. Nach Wegfall des Portofreiheitsprivilegs wurden für die Abgeordneten des Unter- und Oberhauses im Voraus zu bezahlende Briefumschläge geschaffen, um den Parlamentariern den Weg zum Postamt zu ersparen. Diese Umschläge wurden in der Bibliothek des Unterhauses verkauft, wurden aber nur an Abgeordnete abgegeben. Diese „Parliamentary Envelopes“ hatten nur eine sehr kurze Verwendungszeit; mit der Einführung der Mulready-Umschläge und der Briefmarken am 6. Mai 1840 wurden sie wieder abgeschafft.

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2012, letzte Bearbeitung am 2. September 2013.


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