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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Einleitung

„Le Fac-Simile“ – François Fournier

„Faksimiles“ von Fournier
Eine kleine Sammlung von Altschweiz-Raritäten – leider stammt keine
dieser Marken von einer Postverwaltung, sie sind alle „Made by Fournier“

      Die philatelistische Welt hat ihre Meinung über François Fournier (* 1846, + 1917) im Laufe der Zeit gründlich geändert: Vom gefeierten Medaillen-Gewinner, sogar selbst Juror, bei philatelistischen Ausstellungen ist im Bewusstsein der meisten Philatelisten nichts übrig geblieben, man kennt nur den „Meisterfälscher“ Fournier.

      Wer war François Fournier? Über die ersten knapp fünfzig Jahre in seinem Leben wissen wir nicht viel. 1890 oder 1891 tauchte er in Genf auf. Mit einem gewissen Heinrich Goegg, der sich allerdings Louis Henri Mercier nannte (mit einem Namen wie „Heinrich Goegg“ kommt man in Genf nicht weit) betrieb er eine „Kunstwerkstatt“. Mercier verliess dieses gemeinsame Unternehmen 1903.

      Fournier stellte Reproduktionen klassischer Marken her, die er sogar unter „Gebrauchsmusterschutz“ stellte, er liess dafür den Begriff „facsimile“ amtlich eintragen.
      Diese Faksimiles waren von erstklassiger Qualität und gehören heute noch zum Besten, was an Reproduktionen je erzeugt wurde. Fournier bemühte sich um grösstmögliche Ähnlichkeit mit dem Original, für seine Toscana-Marken etwa liess er spezielles Papier anfertigen.

      Man muss, wenn man vom „Fälscher“ Fournier spricht, fairerweise berücksichtigen, dass er keineswegs ein „Schattengeschäft“ betrieb und auch keinen „grauen Markt“ bediente – er verkaufte seine facsimiles als genau das, was sie waren, nämlich Reproduktionen. Er stellte seine Erzeugnisse bei grossen Briefmarkenausstellungen aus und erhielt mehrere Diplome dafür, bei den internationalen Ausstellungen 1896 in Marseille und 1898 in Lyon wirkte er sogar selbst im Schiedsgericht mit. Ist das die Art, wie ein Fälscher agiert?

      Die Probleme begannen, als einige besonders kluge Leute auf die Idee kamen, von Fourniers Marken die Signatur zu entfernen und sie nicht mehr als gute und deshalb auch teure Reproduktionen, sondern als noch teurere Originale zu verkaufen. Diese Marken wurden als „Fälschungen“ enttarnt und zu Fournier zurückverfolgt – plötzlich war Fournier persona non grata in der Philatelie. Philatelistische Zeitschriften weigerten sich, Anzeigen für seine „facsimiles“ zu drucken.

      „Der Widerstand gegen sein ‚Atelier des Facsimiles des Timbres-Poste‘ kam dann auch nicht von den Sammlern, sondern von gewissen Seiten des Handels, denen die Faksimiles von Fournier als eine Komplikation und Belastung des Briefmarkengeschäfts erschienen. Der Öffentlichkeit wurde dieses Bedürfnis nach Schutz vor geistigen Belastungen als ein Bestreben nach Sauberkeit und Ehrlichkeit des Geschäftsgebarens serviert.“

Doberer 1973

      Fournier reagierte prompt: Die Briefmarken-Zeitschriften wollten seine Anzeigen nicht mehr? Auch gut, wird er sich gedacht haben, dann gebe ich eben meine eigene Zeitschrift heraus. Das Ergebnis war die 1910 zum ersten Mal erschienene zweisprachige (deutsch/französisch) Zeitschrift „Le Fac-Simile“, die in einer Auflage von 25 000 Exemplaren gedruckt wurde. Heute ist es allerdings schwierig, irgendwo eine Ausgabe von Le Fac-Simile aufzutreiben.

„Le Fac-Simile“, 1. Jahrgang, Heft 3 Heft 3 des 1. Jahrgangs von „Le Fac-Simile“
 
      In diesem Heft schreibt Fournier, sehr selbstbewusst
„Tout le monde sait depuis bien des années que j’édite des fac-similes de Timbres-poste ‚hors cours‘, que je vends comme tels, de sorte que je ne trompe pas mes clients sur la qualité de la marchandise que je leur vends. Je suis à peu près, sinon le seul en philatélie chez qui on peut acheter avec la certitude qu’on ne sera pas trompé.“
(Jedermann weiss seit vielen Jahren, dass ich Faksimiles von nicht mehr frankaturgültigen Marken herausgebe, die ich als solche verkaufe, so dass ich meine Kunden nicht bezüglich der Qualität der Ware täusche, die ich ihnen verkaufe. Ich bin damit einer der wenigen, wenn nicht der Einzige in der Philatelie, bei dem man mit der Sicherheit kaufen kann, nicht betrogen zu werden.)

      Das Geschäft des François Fournier florierte auch ohne die Unterstützung der „offiziellen“ Philatelie. Le Fac-Simile brachte es bis 1913 auf 24 Ausgaben. Die letzte Fournier-Preisliste aus dem Jahr 1914 führt 3 671 verschiedene Marken auf! Auch danach blieb Fournier noch aktiv, hier eine Angebots-Postkarte aus dem Jahr 1917:

Fournier: Angebot vom 15.3.1917
Angebot vom 15. 3. 1917
Abb.: Auktionshaus → Felzmann, 109. Auktion

      Mit dem 1. Weltkrieg ging dann die goldene Zeit der Fournier’schen Faksimiles zu Ende: Das Ladengeschäft an bester Adresse in Genf (Rue du Rhône, dort residiert z. B. heute noch Patek Philippe) hatte eine untergeordnete Rolle gespielt, Fournier bediente seine Kundschaft, die zum überwiegenden Teil im europäischen Ausland angesiedelt war, per Post. Dieser Vertriebsweg stand nun nicht mehr zur Verfügung.

      Nach dem Tod Fourniers 1917 übernahm sein Sekretär Hirschburger die Firma, aber der Niedergang war nicht aufzuhalten. 1927, nach dem Tode Hirschburgers, übernahm die Union Philatélique de Genève (UPG) sein gesamtes Material. Die Druckerpressen und ein Teil der von Fournier verwendeten Werkzeuge wurden 1958 an das PTT-Museum in Bern (heute „→ Museum für Kommunikation“) übergeben.
      Aus dem umfangreichen Nachlass an Faksimiles, die alle entsprechend gekennzeichnet wurden (s. Abb. unten), stellte die UPG 475 Alben zusammen, die auf ca. 175 Seiten eine Zusammenstellung seiner Arbeiten enthalten. Diese Alben mit je ca. 1500 Marken, 100 Bogen und Bogenteilen und 1000 Stempelabdrücken sind heute ausserordentlich selten und gehören zu den grossen philatelistischen Raritäten, da die meisten Alben irgendwann nach Ländern und Gebieten aufgeteilt und die einzelnen Fournier-Ländersammlungen getrennt verkauft wurden. Bei der 295. Auktion von → Götz im Januar 2005 erzielte ein komplettes Fournier-Album, das für € 1500,– ausgerufen wurde, einen Zuschlagpreis (ohne Aufgeld) von € 2600,–, bei Köhlers Literatur-Spezialauktion anlässlich der IPHLA 2012 fiel bei gleichem Ausruf der Hammer sogar erst bei € 3600,–!

Fournier: Basler Taube und halbe Doppelgenf, Rückseite
Die Rückseiten der oben gezeigten „Basler Taube“ und der halben Doppelgenf
mit Stempel „F.(ac) S.(imile) Fournier“

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 4. November 2012.


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