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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Einleitung

Neudrucke – Nachdrucke – Fälschungen

      Gerade in der klassischen Philatelie sind die im Titel genannten drei Gruppen der Nicht-Originale von grossem Interesse für Sammler. Faksimiles oder Reproduktionen haben ihre Berechtigung als „Lückenfüller“ – wenn solche Faksimiles als echt verkauft werden, werden sie durch diese Verwendung allerdings zur Fälschung. Diese Problematik wird am Beispiel der „nicht ganz zutreffend als Meisterfälscher bezeichneten und schon zur Legende gewordenen Herren Fournier oder de Sperati“ (Tröndle) auf den entsprechenden Seiten diskutiert.

Faksimile Posthornsatz Dieser Posthornsatz ist eindeutig als Faksimile gekennzeichnet: Jede Marke trägt auf der Rückseite und am Unterrand der Bildseite einen entsprechenden Aufdruck.
(Der Satz diente einem Sammler jahrelang als „Lückenfüller“; er hat ihn mir mit grossem Vergnügen überlassen, als er die Felder im selbst gestalteten Album endlich mit den Originalen bestücken konnte.)
Faksimile Posthornsatz

      Fälschungen dienen dem Sammler heute im Wesentlichen als Referenz- und Vergleichsmaterial, die Erzeugnisse namhafter Kopisten (Fournier, de Sperati, s. o.) können aber sogar ein eigenes Sammelgebiet darstellen.
      Sammler eines klassischen Gebietes sollten unbedingt auch mit der Referenz-Literatur über die Fälschungen dieses Gebietes vertraut sein.

      Ausser gefälschten Marken gibt es noch Falschstempel oder Stempelfälschungen, bei denen auf eine echte Marke ein falscher Stempel aufgebracht wird. Anfällig für solche Fälschungen sind vor allem jene Marken, bei denen ein grosser Preisunterschied zwischen „ungebraucht“ und „gestempelt“ besteht, z. B. Marken der Gebiete Bergedorf und Helgoland. Bei der Verfälschung wird ein Brief oder eine einzelne Marke durch irgendwelche Manipulationen preislich „aufgewertet“, bekannte Beispiele dafür sind die von Georges Fouré angefertigten Verfälschungen altdeutscher Briefe. Schliesslich begegnet Ihnen, wenn es um Fälschungen geht, noch der Begriff der Ganzfälschung. Dabei wird nicht ein alter Brief durch Manipulationen an Marke oder Stempel verfälscht, sondern gleich der gesamte Beleg vom Fälscher hergestellt.

      Die vielen Sammlern aus dem Michel-Katalog bekannte Unterscheidung in „Fälschungen zum Schaden der Post“ und „Fälschungen zum Schaden der Sammler“ zeigt, dass Fälschungen, nämlich die der ersten Kategorie, auch postgeschichtlich interessant sein können. Der Markt reflektiert dieses Sammler-Interesse: Die Mailänder und Veroneser Postfälschungen von Lombardei-Venetien kosten heute ein Vielfaches dessen, was man für ein Original bezahlen muss!
      Auch, wenn wir heute immer wieder über steigende Postgebühren klagen, käme wohl niemand auf die Idee, diesem Problem durch das Fälschen aktueller Marken zu begegnen, aber vor 140 Jahren oder auch noch vor 100 Jahren sah das durchaus anders aus.

So genannte Höchster Postfälschung, Deutsches Reich Michel Nr. 47a PFä 1
Deutsches Reich MiNr. 47a PFä 1
Sogenannte „Höchster Postfälschung“ von 1890

      Neben diesen Fälschungen gab es auch schon relativ früh Fälschungen, die auf den Markt der Sammler abzielten; die Angabe etwa in einem Angebot, dass die Marke schon seit 120 Jahren im Familienbesitz ist, kann durchaus stimmen – eine Echtheitsgarantie ist sie nicht! In einem sehr lesenswerten Artikel („The Simplicity of Basic Forgery Detection“) auf der Website „→ GotStamps“ wird darauf hingewiesen, dass keineswegs nur teure Werte gefälscht werden – Vorsicht ist also immer geboten!


      Die Begriffe „Nachdruck“ und „Neudruck“ sind zwar definiert, aber die Unterschiede werden häufig nicht wirklich deutlich gemacht.

      Schauen wir uns zunächst die Definition aus einem echten „Klassiker“ an, Paul Ohrts Handbuch der Neudrucke (1906):

Neudrucke sind alle ‚neuen Drucke‘ eines Postwertzeichens in beliebiger Farbe, welche mit  e c h t e n  Stempeln hergestellt sind,  n a c h d e m  für den Postgebrauch (also für den Druck aller notwendigen Postwertzeichen) bereits ein  n e u e s   M u s t e r   a n g e n o m m e n  und schon zum Druck benutzt worden ist. Das (alte) Postwertzeichen selbst braucht aber noch nicht ausser Kurs gesetzt zu sein. […]

Unter ‚Nachdruck‘ versteht man also einen angeblichen Neudruck, für dessen Druck aber kein (ungeänderter) Originalstempel, sondern ein neu angefertigter (nachgemachter) Stempel angefertigt wurde. […] Schon 1864 machte Berger-Levrault in seinem Katalog einen sehr berechtigten scharfen Unterschied zwischen  N e u d r u c k  und  N a c h d r u c k.“

      Soweit der Altmeister der Neudrucke. Eigentlich ist das also recht einfach: Alles, was vom Originalstempel stammt, ist ein Neudruck, alle Marken von einem neuen Stempel sind Nachdrucke. Nur: Wieso heisst es dann beim gleichen Autor unter „Brasilien“

„Von der Freimarken-Ausgabe 1861 Juni, soll nach Bacons ‚Reprints‘ die Druckplatte des 280-Réis-Wertes durch einen Graveur aus der Münze in Rio de Janeiro im Jahre 1898 gestohlen und zum Neudrucke benutzt sein. Nach Senfs ‚Ill. B-J.‘ (1899, S. 89) ist dieser Neudruck vom Graveur P. Ottwill in der Münze 1884/86 ohne amtliche Erlaubnis hergestellt und als privates Erzeugnis (Nachdruck) zu bezeichnen.“

      Dieser Neudruck stammt also vom Originalstempel, ist aber ein Nachdruck, weil er nicht amtlich genehmigt wurde? Wie kann das sein, wenn es bei Ohrt auch noch heisst

„Der Begriff des ‚Unberechtigten‘ ist sowohl beim ‚Neudruck‘ wie beim ‚Nachdruck‘ ganz  n e b e n s ä c h l i c h; denn es kann auch ein  N e u d r u c k  ‚privatim‘, ohne Kenntnis und Erlaubnis der Behörde veranlasst sein und ein  N a c h d r u c k  mit ‚amtlicher Erlaubnis der zuständigen Behörden.‘“

      Solche widersprüchlichen Aussagen tragen nicht gerade zur Begriffsklärung bei. Vielleicht wird das ja in der neueren Literatur klarer? Hier die Definitionen aus dem Kleinen Lexikon der Philatelie:

Nachdruck
Begriff für Postwertzeichendrucke, die von einer Postverwaltung veranlasst werden, nachdem die vorgesehen gewesene Auflage einer Marke beendet ist […]. Im Gegensatz zu Neudrucken weisen Nachdrucke […] meist grössere Unterschiede hinsichtl. Papierqualität und Farben auf. […]
Neudruck
Begriff für alle Postwertzeichendrucke, die nach Beendigung der Gebrauchsauflage […] von der Postverwaltung selbst […] hergestellt werden. Abweichungen gegenüber den Originalmarken hinsichtl. Papier und Farbe – sogar gänzlich andere Farbe – können vorkommen. […]

      Während sich also Nachdrucke hinsichtlich Papier und Farbe von den Originalen unterscheiden, unterscheiden sich Neudrucke in Farbe und Papier von den Originalen. Alles klar?

      Solche Definitionen, die kaum zur Klärung des Sachverhalts beitragen, sind wohl der Grund dafür, dass der Begriff „Nachdruck“ kaum gebraucht wird; alles, was von auch nur noch halbwegs originalen Druckstöcken stammt, wird allgemein als „Neudruck“ bezeichnet. (1)

      Wichtiger als die oben exemplarisch zitierten Haarspaltereien von grösseren oder kleineren Unterschieden in der Papierqualität ist beim Unterschied Nachdruck/Neudruck der Stempel, von dem die Ausgabe stammt.

      Brauchbare Definitionen finden wir bei Doberer und im Michel-Katalog:
      Danach stammt der Neudruck vom unveränderten Originalstempel, während beim Nachdruck der Stempel in irgendeiner Weise verändert oder ergänzt wurde. Doberer schlug sogar vor, auf den Begriff „Nachdruck“ komplett zu verzichten und ihn als „als das, was er ist, als ergänzten Neudruck“ zu bezeichnen.

      Diesen Unterschied zwischen originalem und bearbeitetem Stempel kann man sehr gut bei den württembergischen Ausgaben studieren: Die 1864/1865 erschienenen „neuen Versionen“ der Ausgabe von 1851 sind Nachdrucke, da nur die Mittelteile von Original-Klischees stammen. Diese Nachdrucke unterscheiden sich entsprechend im Markenbild von den Originalen. Im Mai 1865 erschienen Neudrucke der Ausgabe von 1857, vom Originalstempel gedruckt und daher in der Zeichnung identisch mit den Originalen.
      (s. dazu auch „Württemberg: Neudrucke vom Postschalter“)

      Der „Bund Philatelistischer Prüfer e.V.“ in Deutschland hat noch eine andere → Definition, wonach ein geändertes Druckverfahren den Nachdruck definiert. In diesem Sinne wären dann z. B. die Lübeck-Neudrucke von 1961 Nachdrucke, da sie im Offsetdruck hergestellt wurden.

      Neudrucke stellen natürlich auch Ansprüche an den Sammler; hier muss man sich wirklich mit der Literatur beschäftigen, Drucktechniken studieren, Philatelie-Geschichte lernen. Eher peinlich erscheinen da die Bemerkungen aus dem ersten deutschen Buch über Fälschungen, Lietzows 1879 erschienenem „Schwarzen Buch der Philatelie“. Richtig ärgerlich klingt Herr Lietzow da, hat man doch tatsächlich die (mentale) Bequemlichkeit des Sammlers durch Neudrucke unnötig kompliziert:

      „War bis jetzt ein wirkliches Bedürfnis vorhanden, einen Neudruck herstellen zu müssen? Ich möchte diese Frage entschieden verneinen! […] Da, wo Altdrucke (Originale) fehlen, lange fehlen, wie bei Reunion (2), thut eine einfache Abbildung (nothgedrungener Weise) dieselben Dienste. Wozu soll eine neugedruckte Marke aber viel Geld kosten? Wenn Neudruckmarken so theuer sind, wie bisher, so nützen sie weder der Philatelie noch dem Sammler […]! Wenn dies aber der Fall ist und so fortgehen soll, so wird der wirkliche Markenfreund mit mir die Stunde verwünschen, in welcher die reiche Postverwaltung grosser, mächtiger Länder sich dazu herbeiliess, einen Neudruck von alten Platten ihrer Marken zu veranstalten.“

      Auch Schloss stellte 65 Jahre später fest, dass es bei vielen Sammlern eher Unbehagen auslöst, wenn ihr Sammelgebiet durch so etwas wie Neudrucke unnötig kompliziert wird. Zum Kirchenstaat schreibt er:

      „Exactement comme les timbres de Bergedorf et d’Héligoland, ceux des ETATS DE L’EGLISE ne sont pas très aimés par le philatéliste moyen. Il se peut que les multiples ‚réimpressions privées‘ et les falsifications soient la cause de son dédain et de sa méfiance envers les timbres de ce pays.“
      (Ebenso wie die Marken von Bergedorf und Helgoland sind die des Kirchenstaats beim durchschnittlichen (3) Sammler nicht sehr beliebt. Es kann sein, dass die zahlreichen „privaten Neudrucke“ und Fälschungen der Grund für seine Herablassung und sein Misstrauen gegenüber den Marken dieses Landes sind.)

      Zum Glück haben wir heute ein etwas anderes Verständnis von Philatelie, in dem wir keine Angst mehr vor den bösen Neudrucken haben, sondern anerkennen, dass sie für ernsthafte Philatelisten, die ein Gebiet in all seinen Nuancen erarbeiten wollen, unverzichtbar sind.


Fussnoten:

  1. In anderen Sprachen ist der Neudruck/Nachdruck-Unterschied gar kein Problem: Im Französischen heissen beide réimpression, im Englischen reprint oder reimpression, im Italienischen ristampa. Bacon verwendet für amtliche Nachdrucke den Begriff „official imitations“; dies bedeutet, dass es keine privaten Nachdrucke gibt, solche Marken sind als Fälschungen einzuordnen.
  2. Die ersten Marken von Réunion, die am 16. Januar 1852 erschienenen Werte zu 15 und 30 Centimes (Abb. auf der → Website von Sandafayre), sind ungebraucht im Stanley Gibbons-Katalog aktuell mit je £ 25 000,– (ca. Fr. 60 000,–) notiert.
  3. Natürlich hätte ich „moyen“ auch mit „mittelmässig“ übesetzen können und damit die Intention des Autors vielleicht sogar noch besser getroffen, aber „durchschnittlich“ klingt freundlicher …

Literatur:


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Copyright © 2005–2006 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 25. Dezember 2006.


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