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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Einleitung

Was ist eine „Rarität“? Gedanken zu einem häufig missbrauchten Begriff

      Siehe dazu auch „Wann ist ein Buch ‚selten‘?“ (dort geht es um philatelistische Literatur).
 

      Als „Seltenheit, wertvolles Sammlerstück“ definiert Grallerts Lexikon der Philatelie den Begriff „Rarität“. Schon diese knappe Definition beinhaltet die Gleichsetzung von „selten“ und „wertvoll“.
      Ohne diese Gleichsetzung und dem Begriff gegenüber etwas kritisch definiert Häger im Grossen Lexikon der Philatelie die Rarität: „Bezeichnung aus der Sammlersprache für sehr seltene Marken, Ganzbriefe, Stempel usw. […] Aber nicht jedes als Rarität angebotene Objekt ist tatsächlich eine solche.“

      Ehe wir das „selten=wertvoll“ diskutieren, sollten wir klären, wann ein Stück eigentlich als selten einzustufen ist. Jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, aber festlegen mag sich kaum jemand. Bei Guinovart habe ich dann doch einmal eine Definition gefunden:

RRR extrem selten; weniger als 5 Exemplare bekannt
RR sehr selten; 5 bis 10 Exemplare bekannt
R selten; 11 bis 25 Exemplare bekannt
E span. escasa, wenig; 26 bis 50 Exemplare bekannt
C span. corriente, gängig, häufig; mehr als 50 Exemplare bekannt

      Natürlich ist diese Definition subjektiv, aber sie zeigt die Richtung: Wohl kaum ein Begriff wird z. B. in Internet-Auktionen so arg strapaziert wie die „Rarität“. Bis 25 Exemplare – warum ist dann eigentlich ein „Schwarzer Einser“ so teuer? Eine Rarität ist er ja sicher nicht …

      Jedem, der sich ein wenig im philatelistischen Markt auskennt, ist klar, dass Stückzahl als alleiniges Kriterium für eine „Rarität“ nicht ausreicht. Dazu gehört immer, wieviele Sammler die Marke, die Karte oder den Stempel überhaupt haben wollen (um daran zu erinnern, dass wir nicht nur von Marken, sondern generell von philatelistisch interessanten Stücken reden; das Buch von Guinovart, aus dem ich oben zitiert habe, beschäftigt sich mit Stempeln!). Eine Marke kann eine Auflage von zehn Exemplaren haben und trotzdem nur mit einem niedrigen Euro-Betrag im Michel-Katalog stehen, aber es können auch Tausende davon existieren, und trotzdem werden vierstellige Beträge bezahlt. Anders gesagt: Wenn sie keiner haben will, wird sie, trotz absolut kleiner Zahl, auch nicht selten sein, dann vermisst sie nämlich niemand wirklich.
      Man kann die Anzahl der gedruckten oder noch vorhandenen Marken natürlich nicht gänzlich ignorieren: Ein Sachsendreier kann, bei vielleicht noch 3000 oder 4000 erhaltenen Exemplaren, nie wirklich günstig sein – es gibt sicher mehr als 3000 Sachsen-Sammler.
      Dann gibt es noch die wirklichen Raritäten, die in extrem kleiner Anzahl existieren, aber hier werden dann Preise fällig, die den Käuferkreis erheblich einschränken. Einhunderttausend Euro für eine der vierzehn bekannten „Solferino“ oder eine Viertelmillion für eine ungebrauchte „Trinacria“ sind stolze Summen, aber für diese Marken angemessen (1). (Teilen können Sie diese Ansicht natürlich nur, wenn Sie, wie ich, zu den Verrückten gehören, die – auch, wenn sie sich das selbst nicht leisten können – überhaupt Verständnis dafür aufbringen, dass man den Gegenwert einer IWC Grande Complication oder eines Bentley Continental in 2 cm² altem Papier anlegt …).

      Viele Marken werden als „Rarität“ angesehen, weil, ganz schlicht gesagt, die Katalogpreise hoch sind. Selten = wertvoll gilt, wie wir gesehen haben, nicht immer, aber der Umkehrschluss wertvoll = selten gilt schon gar nicht. Hier kommt neben dem ehernen Marktgesetz von Angebot und Nachfrage noch ein Element des Irrationalen dazu, das es in der Wirtschaft so nicht gibt, von dem aber ein Hobby lebt.
      Der oben erwähnte „Schwarze Einser“, die Nr. 1 von Bayern, ist ein klassisches Beispiel dafür: Der „will-ich-haben“-Faktor ist bei dieser ersten deutschen Briefmarke (die keineswegs selten ist) bei vielen Sammlern so gross, dass sich diese Marke selbst repariert oder mit entfernter Federzug-Entwertung noch zu Preisen verkaufen lässt, die bei anderen Stücken nie zu erzielen wären.

      Vielleicht sollten wir uns vom Konzept der gedruckten/vorhandenen Stückzahl jetzt einmal gänzlich verabschieden und stattdessen betrachten, wie oft ein Stück auf den Markt kommt. Dieser Lesart von „Rarität“ werden sich die oben erwähnten Marktkenner wahrscheinlich schon eher anschliessen können, denn wenn wir so an die Sache herangehen, eröffnen sich ganz neue Perspektiven.
      Raritäten sind dann nämlich mit sauberem Rundstempel voll gestempelte frühe Ausgaben der Bundesrepublik fast im selben Mass wie „Schwarze Einser“ mit Münchener Mühlradstempel. Sie finden das überzogen? Ein Beispiel: Im → Forum des BDPh (Bund Deutscher Philatelisten) hat ein Teilnehmer lange Zeit in jedem seiner Beiträge die Zeile eingefügt „Suche 70 Pf. Posthorn im gestempelten Viererblock“. Einen Schwarzen Einser, selbst eine Basler Taube oder eine Doppelgenf, hätte der Sammlerfreund in wenigen Wochen haben können – sie sind bei jeder grösseren Auktion im Angebot.

      Wir halten fest: „Raritäten“ sind nicht nur die Stücke mit sechsstelligen Katalogpreisen. Spezialisten kennen in ihren Gebieten Raritäten, die oft als solche nicht in weiten Kreisen bekannt sind. Je enger eingegrenzt ein Gebiet ist, desto eher wird ein Sammler eben dieses Gebietes das erforderliche Spezialwissen besitzen, um die wirklich seltenen Stücke auch als solche zu erkennen. Die Freude, ein seltenes Stück, eben eine Rarität, zu besitzen, muss dabei nicht unbedingt mit hohen Beträgen erkauft werden!


Fussnoten:

  1. Falls Sie diese Eigennamen nicht spontan zuordnen können, hier eine kurze Erklärung:
    Solferino: Bezeichnung für einen Farbfehldruck der griechischen grossen Hermesköpfe, Druck 1871–1872, Hellas Nr. 36a, MiNr. 37F. Ein Druckbogen (100 Stück) wurde hergestellt, 14 Exemplare sind heute noch erhalten.
    Trinacria: Neapel, Ausgabe vom 6. November 1860, Sassone Nr. 15, MiNr. 8, Wertbezeichnung „T“ (Tornese) statt „G“ (Grano). Katalognotierung (Sassone 2005) € 15 000,– (blau, gebraucht) bis € 260 000,– (lebhaftblau, ungebraucht).

Literatur:


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Copyright © 2009 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 24. Januar 2009, letzte Bearbeitung am 24. Januar 2009.


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