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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Einleitung

„La Philatélie sans experts?“ – Jean de Sperati

The Work of Jean de Sperati II

      Während wir nur wenig über Fourniers Leben wissen, ist der Werdegang des 1884 geborenen Jean de Sperati (eigentlich Giovanni Sperati) lückenlos dokumentiert, und das hier gezeigte Buch ist Pflichtlektüre für alle, die mehr über den berühmt-berüchtigten Meister der Reproduktion wissen wollen.

      Sperati hatte die bestmögliche Ausbildung für sein Gewerbe: Er war studierter Chemiker, ein Bruder war Fotograf, ein anderer Briefmarkenhändler, und bei einem Cousin, der eine Papiermühle besass, hatte er sich schon als Jugendlicher mit den Grundlagen der Papierherstellung beschäftigt.

      In seiner Autobiographie schreibt Sperati, dass die Liebe zur Chemie, zu den grafischen Künsten und zur Imitation die drei Faktoren gewesen seien, die ihn, als er mit der Philatelie in Kontakt kam, unausweichlich zur Philatélie d’Art, wie er sein Wirken selbst nannte, geführt hätten.

      Speratis erster Versuch in Sachen Reproduktion waren Marken von San Marino – nach seinen Angaben war er dazu von seinem Bruder Massimo, dem Briefmarkenhändler, überredet worden. Sperati bezeichnet das Ergebnis dieses Frühwerks als „passabel“. Mehr war es wohl auch nicht, denn seinem Bruder (nicht ihm!) trug dieses Erzeugnis eine Gerichtsverhandlung wegen Fälschung ein, die jedoch mit einem Freispruch endete. Sperati hat immer wieder betont (und auch entsprechende Gegendarstellungen von Zeitungen erreicht), dass er in Italien niemals wegen irgendeiner Staftat verurteilt wurde.

      Im Jahr 1909 ging Sperati nach Paris, wo er offenbar Reproduktionen für seinen Bruder Massimo vertreiben sollte. Er hatte schnell Kontakt zur Philatelisten-Szene und zeigte Proben seiner Arbeiten. (Anfang des 20. Jahrhunderts waren Reproduktionen in keiner Weise „unehrlich“ oder gar „unmoralisch“; gute Faksimiles waren akzeptierter Bestandteil der Philatelie.)

      Der Durchbruch kam, als ihm der Pariser Händler Jean Cividini eine Marke gab (Goldküste [heute Ghana], 1 Schilling blau 1883) und ihn aufforderte, davon eine Kopie herzustellen. Sperati tat dies, und Cividini, der die Qualität dieser Arbeit erkannte, schickte diese Marke „zum Spass“ an den damals berühmten deutschen Experten Max Thier in Berlin. Die Marke kam zurück – mit Thiers Echtheitssignatur!

      Diese Marke war die erste von insgesamt 234, die Sperati im Laufe seines Lebens in sein Livre d’Or, sein „Goldenes Buch“, einsortieren konnte. Es enthielt alle von Sperati angefertigten Marken, die ein Echtheitszeugnis von einem Experten oder einem Expertenkomitee erhalten hatten. Das Livre d’Or ist heute verschollen.

      Sperati führte zunächst, obwohl er weiterhin Briefmarken-Kopien anfertigte (und nie als Reproduktionen kennzeichnete), ein „normales“ bürgerliches Leben: Er arbeitete für eine französische pharmazeutische Firma, importierte nebenbei Lebensmittel aus Italien, heiratete, wurde Vater einer Tochter.
      1931 kam der Wendepunkt: Sperati zog mit seiner Familie nach Aix-les-Bains und widmete sich von nun an seiner Philatélie d’Art als Vollzeitbeschäftigung.

Sperati-Probedruck

      Die einzigen Stücke, die Sperati kennzeichnete, waren die Probedrucke, die eine Art Copyright-Vermerk („Nachahmung verboten“) erhielten. Er stellte diese Einzelabzüge in Schwarz und in den entsprechenden Markenfarben her.

      Zehn Jahre lang hörte man nichts Aufregendes aus Aix-les-Bains, obwohl Sperati in dieser Zeit zweifellos etliche Händler mit seinen Erzeugnissen versorgte. Ab Januar 1931 sandte er seine Marken auch regelmässig an anerkannte Prüfer und Experten-Kommissionen – nur zur Bestätigung der Qualität seiner Arbeit? Hätte jemand sie als Originale verkauft, hätte ein solches Attest den Marktwert deutlich erhöht. Honi soit qui mal y pense …

      Im Jahr 1942 ereignete sich dann jener berühmte Vorfall, mit dem Sperati schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit geriet. (1)
      Interessant ist dabei, dass Sperati behauptete, der ganze Vorgang sei von ihm bewusst provoziert worden, weil er mit seiner Arbeit endlich bekannt werden wollte. Ob ersteres stimmt, ist unklar, letzteres ist ihm jedenfalls gelungen.

      Viele Bücher über die Geschichte der Philatelie berichten über diesen Vorgang, ich fasse die Ereignisse daher hier nur kurz zusammen:
      1942 fing der französische Zoll eine Sendung von Sperati an den Briefmarkenhändler Ell in Lissabon ab, in der sich 18 klassische Briefmarkenraritäten befanden. Wegen Zollvergehens (Kapitaltransfer ins Ausland) wurde Sperati vor dem Gericht in Chambéry angeklagt. Ein engagierter Hobby-Philatelist wurde vom Gericht beauftragt, den Wert der Sendung zu schätzen, und gab einen Betrag von 60 500,– bis 78 000,– Franc an. Sperati erklärte diese Schätzung für unzutreffend, machte aber keine weiteren Angaben. Vor dem Appellationsgericht verlangte Sperati ein Gutachten des damals berühmten Kriminologen Dr. Edmond Locard.
      Dieses Gutachten ist inzwischen legendär: Punkt für Punkt erklärte Locard, warum diese Marken Originale sein mussten: Keine Grössenabweichungen im Markenbild, Wasserzeichen (Locard schrieb „Das Fälschen von Wasserzeichen ist praktisch unmöglich“), „richtiger“ Gummi bei jeder Ausgabe usw.
      Den Wert der Sendung schätzte Locard auf 303 200,– Franc.

      Nun war der Augenblick für Sperati gekommen, seine Karten aufzudecken: Er erklärte, dass er die Marken selbst hergestellt habe, und legte dem Gericht mehrere absolut identische Sets der gleichen 18 Marken vor. Irgendwie wirkte das überzeugend …
      Nach einer weiteren Verhandlung und Berufung kam ein anderer Gutachter, der Experte Leon Dubus, zu dem Befund, dass keine der Marken echt sei und dass sie „einen unerfahrenen Sammler leicht täuschen“ könnten. Ein beachtliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass es vier Jahre vorher noch geheissen hatte, dass diese Marken nach menschlichem Ermessen nicht gefälscht werden könnten!

      Obwohl Sperati durch diese Prozesse endlich die gewünschte „Publicity“ hatte – nun wusste jeder Philatelist, wer Marken herstellen konnte, die von Originalen fast nicht zu unterscheiden waren –, hatten diese Prozesse und Berufungsverhandlungen einen unangenehmen Nebeneffekt: Es war eben sehr viel über seine Tätigkeit an die Öffentlichkeit gelangt, und in Paris wurden er, seine Frau und seine Schwägerin wegen Fälscherei angeklagt und verurteilt. La Chambre Syndicale des Négociants en Timbres-Poste, der Verband der Briefmarkenhändler, trat als Nebenkläger auf. Auch hier zog sich das Verfahren mit Revisionen über mehrere Jahre hin, am Ende musste Sperati eine Strafe und eine Busse an den Briefmarkenhändler-Verband bezahlen. Die von dem Verband geforderte Einziehung und Vernichtung aller noch im Besitz Speratis befindlicher Reproduktionen lehnte das Gericht ab, da das Herstellen von Kopien per se nicht strafbar sei und die Marken, die Sperati noch hatte, ja nicht Gegenstand des Verfahrens waren.

Sperati: La Philatélie sans experts?

      Sperati schrieb 1946 dieses Buch, in dem er verschiedene Aspekte der Philatelie betrachtet. Besonders das Experten-Wesen hatte es ihm angetan – nach seinen Erfahrungen nicht verwunderlich. Nach Speratis Meinung tummelten sich zu viele selbst ernannte Experten in der Philatelie, denen es aber an wirklich profundem Wissen fehlte.

      Zu diesem Zeitpunkt, 1953, machten Sperati nachlassende Sehschärfe und das Alter – er war inzwischen 69 Jahre alt – zu schaffen, und man hörte, dass er sich nach einem Nachfolger umsehen wolle, um diesem alles über die Philatélie d’Art beizubringen. Noch einmal 50 Jahre erstklassige, nicht signierte Kopien? Für die philatelistische (Geschäfts-)Welt eine grauenhafte Vorstellung!
      Die Lösung kam aus London, damals Welthauptstadt der Philatelie. Die British Philatelic Association (B.P.A.) kaufte Sperati auf!

      Sperati produzierte nach dem Geschäft mit der B.P.A. noch einige Reproduktionen, aber nicht mehr in geschäftsmässiger Absicht. „Was sollte er sonst tun? Das war sein Leben.“ ist der Kommentar seiner Tochter dazu. Sperati starb 1957 in Aix-les-Bains.

 


Jean de Sperati privat

Blanc-Girardet: Jean de Sperati – l’homme qui copiait les timbres

      Denen, die sich nicht nur für den Meisterfälscher interessieren, sondern mehr über den Menschen Jean de Sperati erfahren wollen, sei dieses Buch empfohlen. Neben den auch an anderer Stelle dokumentierten Details über die diversen Prozesse erfährt man hier einiges aus dem Privatleben Speratis, was eine interessante, manchmal etwas spezielle Persönlichkeit erkennen lässt, von einer gewissen Pedanterie bis zu seinem Bedürfnis, Dinge sicher und unter Kontrolle zu haben.

 


      Was geschah mit den „Speratis“, die von der B.P.A. aufgekauft worden waren? Sämtliche Marken wurden rückseitig (endlich) eindeutig gekennzeichnet. In einer Auflage von 500 Exemplaren erschien 1955 das heute sehr gesuchte Werk „The Work of Jean de Sperati“ (2). Neben Text- und Bildband gab es für Experten weltweit Zusammenstellungen der Marken, die nun seit 50 Jahren allen Spezialisten als Referenzmaterial zur Verfügung stehen. Einzelne Stücke kommen immer wieder einmal in den Handel.

Sperati-Kopie Typ B der Sachsen Michel Nr. 13b, Vorderseite Sperati-Kopie Typ B der Sachsen Michel Nr. 13b, Rückseite
Sperati-Kopie Typ B der Sachsen MiNr. 13b

 

Sperati-Kopie Typ B der Sachsen Michel Nr. 13b, The Work of Jean de Sperati, Bd. I
Sperati-Kopie Typ B der Sachsen Michel Nr. 13b, The Work of Jean de Sperati, Bd. II
Sperati-Kopie Typ B der Sachsen Michel Nr. 13b, The Work of Jean de Sperati, Bd. II Beschreibung und Abbildung der gleichen Marke aus „The Work of Jean de Sperati“.
Die Abweichungen vom Original sind in Band I detailliert beschrieben und in Band II dargestellt.

      Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung des umfassenden Werkes tauchten aus dem Besitz von Speratis Tochter weitere, in „The Work of Jean de Sperati“ nicht enthaltene Marken auf. 1962 beschloss das Experten-Komitee der Royal Philatelic Society London, eine Studie über die bisher nicht veröffentlichten Werke Speratis zu unterstützen. Fast 40 Jahre später war es dann endlich so weit: 2001 erschien das oben auf dieser Seite abgebildete Buch von Lowe/Walske.


Fussnoten:

  1. Die Verfahren vor den Gerichten in Chambéry und Paris sind im Detail in „The Work of Jean de Sperati“ von 1955/56 beschrieben, bei Lowe/Walske finden Sie dazu keine Informationen.
  2. 1997 erschien das Werk als Reprint (214 Seiten und 143 Tafeln).

Literatur:


Links zu Sperati:


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Copyright © 2005 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 18. Juni 2005.


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