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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Einleitung

Durchstich und Zähnung

      Über die Trennung der Marken aus dem Schalterbogen machte man sich in der Frühzeit der Briefmarke keine Gedanken – eine Schere gab es schliesslich an jedem Postschalter und in jedem Haushalt. In fast allen Gebieten sind die ersten Ausgaben geschnitten; eine bekannte Ausnahme ist z. B. Schweden, das ab der Nr. 1 gezähnte Marken verausgabte. Die Unterschiede zwischen lupenrandig, vollrandig und breitrandig gibt es nur bei geschnittenen Ausgaben; sie stellen für diese Marken ein wichtiges Qualitätsmerkmal dar.


Durchstich

      Das Ausschneiden jeder Marke aus dem Bogen war auf die Dauer nicht befriedigend. Der Brite Henry Archer war der erste, der das Problem der Markentrennung aus dem Bogen anging; er stellte 1848 die erste Maschine für den Durchstich von Markenbögen vor. Beim Durchstich werden mit einem rotierenden Messer kleine Einschnitte in das Papier gemacht; es wird aber, im Gegensatz zur Perforation (Zähnung), kein Papier aus dem Bogen entfernt. Durchstochene Marken sehen immer etwas „abgerissen“ aus, da die Papierstege zwischen den Durchstichen noch relativ breit sind.

      Der Durchstich ist die am seltensten vorkommende Form der Markentrennung, da viele Postverwaltungen von geschnittenen direkt zu gezähnten Ausgaben übergingen. Heute begegnet uns diese Technik im Alltag allerdings immer noch – schauen Sie sich einmal an, wie Küchenrollen und Toilettenpapier vorgetrennt sind! Auch die typischen etwas ausgefransten Ränder nach dem Abreissen können Sie an diesen eindeutig nicht-philatelistischen Papieren sehr schön studieren.

      Wurden die späteren Trennungslinien beim Druck bereits farbig „vorgezeichnet“, resultiert der farbige Durchstich, vielen Sammlern von den Ausgaben des Postgebietes Thurn und Taxis bekannt.
      Während bei farblos durchstochenen Marken die Zentrierung ein Problem darstellen kann (und damit zum wichtigen Qualitätsmerkmal wird), kann man bei farbig durchstochenen Marken eine einwandfreie Zentrierung erwarten.

Farbloser und farbiger Durchstich bei Thurn und Taxis-Marken
Links: Farbloser Durchstich, Thurn und Taxis MiNr. 39 (1865)
Mitte und rechts: Farbiger Durchstich, Thurn und Taxis MiNr. 51 und 49 (1866)

 


Zungenförmiger Durchstich
(Finnland, MiNr. 9Cx)
 

      Der Durchstich war nicht immer eine schlichte gerade Linie; es gibt viele Varianten wie z. B. bogen- oder wellenförmigen Durchstich. In der Philatelie bekannt ist der zungenförmige Durchstich früher Ausgaben Finnlands, der den Eindruck besonders grober und plumper Zähne vermittelt – es ist aber ein Durchstich, keine Zähnung (Abb. links)!


Zähnung

      Auch die gezähnten Marken verdanken wir Henry Archer, der im Dezember 1848 die erste Zähnungsmaschine vorstellte – übrigens gleich in der technisch aufwändigeren Technik der Kammzähnung (s. u.); die einfachere Linienzähnung gab es erst später.

      Die Zähnung ist nicht ein einfaches „Löcher einstechen“ (das gab es allenfalls als Not- oder Privatzähnung; Stichwort „Nähmaschinenzähnung“), sondern ein Stanzvorgang. Das bedeutet, dass die Löcher wirklich ausgestanzt, also Material aus dem Bogen entfernt wird. Ein ganz normaler Bürolocher arbeitet ähnlich.
      Nach Grallert werden dabei Hohlnadeln verwendet, während Tröndle von Perforationsstiften spricht – das ist das Locher-Prinzip – und sogar ausdrücklich schreibt „keine Hohlnadeln!“. Ich kann das nicht abschliessend beurteilen, kann mir aber durchaus vorstellen, dass beide Methoden verwendet werden.

 

Linienzähnung

      Bei der Linienzähnung wird jeweils eine waagerechte oder senkrechte Reihe gezähnt. Diese Technik erfordert eine hohe Anzahl von Arbeitsgängen für einen Bogen, ist aber einfach durchführbar („Nähmaschinenzähnung“; s. o.). Die Bogenränder sind dabei durchgezähnt.

Linienzähnung

      Die Linienzähnung ergibt ein typisches Zähnungsbild, das an Paaren oder grösseren Einheiten besonders gut erkennbar ist:

Charakteristika der Linienzähnung
Da die waagerechten und senkrechten Zähnungslinien nicht exakt aufeinander abgestimmt sind, kann es an den Kreuzungspunkten zu einem unsauberen Zähnungsbild kommen (1). Auch am Rand einer einzelnen Marke kann man die durch diese Technik entstehenden besonders kurzen (2) oder besonders langen (3) Zähne erkennen, die auf die Linienzähnung hinweisen.
      Diese herstellungsbedingten Unregelmässigkeiten dürfen nicht mit Zahnfehlern (ein- oder abgerissene Zähne) verwechselt werden.
Charakteristika der Linienzähnung

 

Kammzähnung (Reihenzähnung)

      Die Bezeichnung dieser Technik zeigt schon anschaulich, wie sie funktioniert: Das Zähnungseisen hat die Form eines Kamms mit einer waagerechten Leiste und davon senkrecht abgehenden kurzen Leisten von Zähnungsnadeln.

Kammzähnung

      Der Oberrand und die Seitenränder des Bogens sind nicht gezähnt. Der letzte Arbeitsgang, der den Unterrand der untersten Markenreihe zähnt, bringt aber gleichzeitig unvermeidlich eine senkrechte Zähnung am Unterrand des Bogens an.
      Der Zähnungsvorgang muss nicht, wie in der Grafik gezeigt, von oben nach unten erfolgen; auch die Gegenrichtung oder eine Zähnung in seitlicher Richtung sind möglich. Die resultierende Zähnung ist – im Gegensatz zur Linienzähnung – in jedem Fall sehr regelmässig.

Kreuzzähnung

      Sonderformen der Kammzähnung sind die in der Klassik meines Wissens noch nicht verwendeten Techniken der Doppelkammzähnung – eine Reihe wird an allen vier Seiten, die nächste gleichzeitig senkrecht in einem Arbeitsgang gezähnt – und der Kreuzzähnung (Schema links), bei der das Zähnungseisen eine Art Doppel-T-Form hat und damit bei jedem Schlag eine waagerechte Reihe und zwei halbe senkrechte Reihen zähnt.

Prinzip des Zähnungseisens
bei der Kreuzzähnung

 

Kastenzähnung (Bogenzähnung)

      Hier kann ich mir das Erstellen einer animierten Grafik sparen, denn sie würde nicht einen schrittweise ablaufenden Prozess zeigen, sondern nur ein vorher – nachher. Bei dieser Technik wird der gesamte Bogen mit einem Schlag des Zähnungseisens gezähnt.


Einteilung und Messung der Zähnung

      Die Masseinheit für die Zähnung (und auch für den Durchstich) ist die Anzahl der Zähnungslöcher (nicht der Zähne!) auf 2 cm. Manchmal, insbesondere, wenn bei einer Ausgabe verschiedene Zähnungstechniken verwendet wurden, wird ein „K“ für Kammzähnung oder ein „L“ für Linienzähnung vorangestellt. K 14 bezeichnet demnach eine Kammzähnung mit 14 Löchern auf 2 cm.
      Diese Art der Messung ist international standardisiert; auch in Ländern, die nicht das metrische System verwenden (z. B. USA), wird also auf 2 cm gezählt.
      Wenn eine Marke horizontal und vertikal verschiedene Zähnungen aufweist (z. B. Bayern, Pfennigwerte der Freimarken-Ausgabe Ludwig III. von 1914 bis 1920), gibt die erste Zahl die waagerechte, die zweite die senkrechte Zähnung an. Bei mehr als zwei Zähnungen derselben Marke (z. B. Amerikanische und Britische Zone, „Bautenserie“) werden die Zähnungen oben beginnend im Uhrzeigersinn angegeben.

      Zähnungen sind nicht immer ganzzahlig – es gibt z. B. auch 13½ und 14¼ –, und viele Marken haben keine 2 cm lange Seite. Wie misst man dann die Zähnung?

      Die Antwort ist der Zähnungsschlüssel, neben Lupe und Pinzette das vielleicht älteste Hilfsmittel der Philatelisten – laut Häger wurde er schon 1866 verwendet.

      In der einfachsten und wohl auch verbreitetsten Form ist der Zähnungsschlüssel ein Karton- oder Kunststoff-Streifen, auf dem die verschiedenen Zähnungen als Muster von Punkten (entsprechend den Zähnungslöchern) und Streifen (entsprechend den Zahnspitzen) aufgedruckt sind. Durch Anlegen an die Marke, auch auf Briefstück oder Brief, wird die Zähnung ermittelt. Die Unterschiede zwischen den Zähnungen können sehr klein sein – es werden Viertel-Stufen unterschieden –, und für exakte Differenzierungen sind diese Zähnungsschlüssel meist nicht genau genug. Oft bekommt man solche Zähnungsschlüssel als Werbegeschenk:

Zähnungsschlüssel
Zähnungsschlüssel
Oben: Karton; Vorderseite (Grobe 2006) und Rückseite (Michel 1971)
Unten: Durchsichtiger Kunststoff (Borek)

      Wesentlich präziser sind „elektronische Zähnungsschlüssel“, zu deren Benutzung man einen Computer mit angeschlossenem Scanner benötigt. Mehr darüber können Sie auf einer anderen Seite dieser Site lesen.

      Die eleganteste, leider auch mit Abstand teuerste Lösung ist ein elektronisches Zähnungsmessgerät. Das meines Wissens einzige derartige Gerät auf dem Markt ist das Perfotronic der Firma → Safe.

      Das Waschen einer Marke (Ablösen vom Papier) und der anschliessende Trockenprozess können übrigens das Format der Marke ändern und damit auch zu einer scheinbar veränderten Zähnung führen. Solche Stücke werden gerne als Zähnungsabarten angesehen, das Ausmessen des Markenbildes schafft dann jedoch schnell Klarheit, denn die Marke wird insgesamt grösser (manchmal auch nur in einer Richtung).


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 15. September 2006, letzte Bearbeitung am 16. November 2014.


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