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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Gedanken zum 1. Geburtstag dieser Website am 12. 6. 2006

Sammeln Sie noch, oder sind Sie schon Philatelist?

      Natürlich ist der Titel dieser Seite ein gnadenloses Plagiat des Werbespruchs eines bekannten Möbelhauses (1), aber er bringt auf den Punkt, worum es mir hier geht, und deshalb bitte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, mir – für ein Mal, es wird sich nicht wiederholen, versprochen! – diesen Mangel an Originalität nachzusehen.

      Wir alle, die wir uns mit Briefmarken beschäftigen, haben wohl als Sammler angefangen – „Sammler“ ganz wörtlich genommen, wie in „Jäger und Sammler“: Man häuft Sammelobjekte an (das begann bei mir im Alter von sechs Jahren), freut sich an der schieren Menge und ist erst einmal bestrebt, die Sammlung quantitativ zu erweitern.

      Irgendwann, beim Einen früher, beim Anderen später, reift die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann. Das ist der Zeitpunkt, an dem eine wichtige Entscheidung fällt:
      Das gut, aber völlig planlos (und überwiegend mit Massenware) gefüllte erste 64-Seiten-Einsteckbuch landet entweder für lange Zeit, wenn nicht sogar für immer, auf dem Dachboden, oder man beschliesst, dass man doch so viel Spass an der Sache hat, dass man weitermachen will – aber man will nicht mehr alles in das eigene Album aufnehmen.
      An dieser Stelle fällt dann, wenn man sich zum Weitermachen entschlossen hat, üblicherweise die Entscheidung für eine Ländersammlung, wobei das eigene Land praktisch immer den Vorzug erhält.

      Damit wird aus dem ungeordneten Konvolut erstmals so etwas wie eine Sammlung, zumal spätestens jetzt klar wird, dass es ohne einen Katalog nicht geht. Da der grundsätzliche Trieb des Jägers und Sammlers zwar kanalisiert, aber immer noch vorhanden ist, ist jetzt auch der Zeitpunkt erreicht, wo man Angst hat, etwas zu verpassen: Ein Neuheiten-Abonnement wird abgeschlossen.

      Jetzt – sollten Sie mich der Arroganz bezichtigen wollen, habe ich dafür Verständnis, aber lesen Sie bitte trotzdem weiter; merci! – ist ein Punkt erreicht, den etwa 80–90 % der Sammler nie überschreiten – der gerade einmal etwas strukturierte Jäger und Sammler entwickelt sich nicht weiter, die Evolution ist zum Stillstand gekommen. Schade!

      Postverwaltungen aller Länder lieben diesen Sammler-Typ, da man ihm (fast) alles verkaufen kann: Viererblocks, die gestempelt (aber bitte mit perfekter Gummierung) zum vollen Postpreis geliefert werden, alle möglichen Sonderkarten, Maximumkarten, Ersttagsblätter, Numisbriefe und ähnliche „Belege“.

      Wir verlassen diesen Sammlertyp an dieser Stelle und überlassen ihn seinen Schätzen, die natürlich auf teuren, sehr edel aussehenden Vordruckblättern archiviert werden.
      Was wird aus den übrigen 10 bis maximal 20 %?

      Sie tun etwas, was dem oben beschriebenen Sammlertyp niemals einfallen würde: Sie kaufen einen Spezialkatalog! Jetzt geht die Evolution weiter, denn die Sammler dieser Kategorie entdecken eine völlig neue Welt:
      Sie beginnen, sich für Drucktechniken zu interessieren, sie wollen nicht mehr nur die Marke sehen, sondern auch Hintergründe zu ihrer Entstehung kennenlernen, sie beschäftigen sich mit Posttarifen, sie überprüfen Wasserzeichen und Zähnungen, sie schneiden die Marke nicht mehr aus dem Brief heraus, sondern sie sammeln den ganzen Brief – sie sind zu spezialisierten Sammlern geworden.

      Was letztlich diesen Evolutionsschub auslöst, kann ich auch nicht sagen; grosse schwarze Monolithe im Seitenverhältnis 1:4:9 sind jedenfalls in der Nähe von Sammlern noch nie beobachtet worden … (2)

      Manche dieser Spezialsammler gehen noch weiter: Sie geben sich nicht einmal mehr mit dem Spezialkatalog zufrieden!

      sie sind zu Philatelisten geworden!
      (s. dazu auch „Bücher sind wichtiger als Marken“)

      Sind Sie schon so weit? Dann sind Sie auf dieser Website richtig! Ich schreibe für Philatelisten und diejenigen Sammler, die tiefer in die faszinierende Welt der Philatelie eindringen wollen – ganz bewusst und auf die Gefahr hin, dass ich etliche Sammler langweile und vergraule, denen es nun einmal egal ist, wie man anhand der „Geheimzeichen“ die verschiedenen Auflagen der Lübecker Neudrucke unterscheiden kann.

      Herr Honegger senior (→ Honegger Philatelie AG), dem ich eine Seite meiner Site vor der Veröffentlichung zum Korrekturlesen geschickt hatte (es ging um den „Esslinger Probedruck“), schrieb mir damals unter anderem
      „Sie regen die Leute zum Nach- oder Überdenken von bisher gar nie hinterfragten Begriffen an. Und dies könnte für Sie interessante Korrespondenzen und Stellungnahmen einbringen. Sicher eher nur für eine philatelistische Elite, aber das ist ja kein Nachteil – im Gegenteil!“

      Dem habe ich nichts hinzuzufügen – diese Site hat inzwischen ihren kleinen (exklusiven?) Leserkreis, und Kontakte der angesprochenen Art habe ich im Laufe des letzten Jahres auch geknüpft. So macht Philatelie auf dem Web Spass!


Fussnoten:

  1. Gemeint ist natürlich der Spruch „Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?“, den IKEA populär gemacht hat. Es gibt inzwischen unzählige Abwandlungen davon, am besten gefällt mir (das gehört jetzt überhaupt nicht zum Thema …) Harald Schmidts „Haben Sie noch Sex, oder spielen Sie schon Golf?“. Wie gesagt: Völlig am Thema dieser Website vorbei – aber gut!
  2. Sie wissen wirklich nicht, was ich meine? Dann sollten Sie ganz schnell „2001: A Space Odyssey“ von Arthur C. Clarke lesen oder sich den legendären gleichnamigen Film von Stanley Kubrick ansehen!

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Copyright © 2006 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2006, letzte Bearbeitung am 12. Juni 2006.


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