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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Gedanken zum Jahreswechsel 2011/2012

Philatelie und Numismatik – zwei Hobbys, eine Idee


Konstanz, Brakteat
Heinrich II. von Klingenberg (1293 – 1306)
 

      Sammeln kann man so ziemlich alles: Bierdeckel, Kaffeerahmdeckel, Uhren, Ferraris, Bügeleisen …

      Das Sammeln von Briefmarken wurde in den ersten 150 Jahren ihrer Geschichte zu einem der verbreitetsten Sammelhobbys; die aktuellen Probleme mit der Rekrutierung von engagiertem Nachwuchs im Zeitalter von PC und Playstation sind bekannt, aber hier nicht unser Thema.

      Das Sammeln von Münzen ist eine deutlich ältere Form des gezielten Sammelns; lange war es allerdings, neben dem Sammeln von Bildern und Skulpturen, eine Beschäftigung des Adels – denken Sie an all die fürstlichen / herzoglichen / königlichen „Münzkabinette“, aus denen teilweise die heutigen grossen Museums-Sammlungen entstanden sind. Auch diese Liebhaberei fand, ähnlich wie die Philatelie in ihrer Anfangszeit, nicht immer das Verständnis der Zeitgenossen:

Simon Grunau (ca. 1470–1530) in der „Preussischen Chronik“ über Stephan von Neidenburg (1412–1495)

      Als seer ein alter man fühle ich mich als Mittfünfziger noch nicht, und ich würde energisch widersprechen, wenn jemand mein Interesse an Numismatik mit einer beginnenden Altersdemenz erklären wollte, aber ich konnte mich auch, neben meinem Interesse an Philatelie und Postgeschichte, schon vor vielen Jahren der Faszination der Numismatik nicht entziehen. Meine ersten bewusst gesammelten Münzen waren die aus Anlass der Olympischen Spiele in München 1972 herausgegebenen deutschen 10-Mark-Stücke, aber die moderne Numismatik begeisterte mich nicht sehr lange.


Rom, Denar
Antoninus Pius (138 – 161)
 

      Ab etwa dem 16. Lebensjahr begann ich, Preussen ab 1806 zu sammeln, aber Studium und Beruf liessen irgendwann keine Zeit mehr dafür. Lange, sehr lange ruhte das Interesse an der Numismatik, zumal ich – wie Leser dieser Website wissen – vor rund 20 Jahren begann, mich der klassischen Philatelie wirklich ernsthaft zuzuwenden. Vor etwa fünf, sechs Jahren kam dieses Interesse dann wieder und fand seinen Niederschlag in einer (sehr bescheidenen) Sammlung römischer Münzen, die ich seither langsam erweitere. Wie bei der Philatelie habe ich mehr Literatur zum Thema als eigentliche Sammlerstücke, bin also auch in der Numismatik eher ein Literatursammler geworden. Relativ neu ist meine Begeisterung für Münzen des Früh- und Hochmittelalters im Allgemeinen und für Brakteaten im Speziellen.

      Die beiden Hobbys haben Vieles gemeinsam; diese Parallelen und allfällige Unterschiede sind das Thema der diesjährigen „Betrachtungen zum Jahreswechsel“. Wie kam ich auf dieses Thema?

      Erster Auslöser war ein Gespräch, das ich unlängst mit Herrn Tyll Kroha hatte (den Namen muss man in Kreisen der deutschen Numismatik nicht näher erklären; sein Grosses Lexikon der Numismatik dürfte im Bücherregal vieler Sammler stehen). Wir stellten übereinstimmend fest, er für die Numismatik und ich für die Philatelie, dass unsere Hobbys überaltern, dass der Nachwuchs ausbleibt und dass in beiden Sammelgebieten Luxusstücke immer noch bei der (älteren, kapitalkräftigen) Sammler-Klientel sichere Käufer finden, während der Markt für mittlere Ware immer schwieriger wird.


Melle (F), Obol
Karl II., der Kahle (843 – 877)
 

      Der zweite Punkt, der mich veranlasste, die beiden Gebiete einmal gemeinsam zu betrachten, ist die bei renommierten Briefmarken-Auktionshäusern (nicht nur in Deutschland) zu beobachtende Entwicklung, zunehmend ihr Angebot in Richtung Numismatik zu erweitern. Sind es die Sammlungsauflösungen aus Erbschaften, die niemand aus der Nachfolgegeneration weiterführen will, die diesen Trend auslösten? Tatsache ist, dass Sie heute bei → Felzmann oder → Reinhard Fischer, alteingesessenen und etablierten Philatelie-Auktionshäusern, ebenso hochwertiges Material aus der Numismatik finden können wie bei → Dr. Busso Peus.

      Auf den zweiten Blick stellt man allerdings fest, dass Philatelie und Numismatik in einigen Bereichen schon lange eng miteinander verwoben sind:

      Was haben Numismatiker und Philatelisten nun gemeinsam, und was unterscheidet sie? Wie in der Philatelie sehe ich auch in der Numismatik einen deutlichen Unterschied zwischen den Sammlern moderner und klassischer (in der Numismatik bis „antiker“) Ausgaben.


Rom, Solidus
Theodosius II. (408 – 450)
 

      Kritische Bemerkungen über das Sammeln moderner Briefmarken und die Ausgabepolitik vieler (der meisten / aller) Postverwaltungen finden Sie auf dieser Site an diversen anderen Stellen, so z. B. in der ersten Ausgabe dieser Gedanken zum Jahreswechsel, die ich Ende 2005 geschrieben habe. Die Nationalbanken vieler Länder machen es nicht anders: Insbesondere im Euro-Raum sind die oben erwähnten, schon bei der Ausgabe in bewusst knapper Auflage gehaltenen Kursmünzensätze sicher ein ebenso einträgliches Geschäft wie die Sonder- und Gedenkausgaben in der Nominale 2 Euro zu allen möglichen Anlässen, und was ist ein 40-Rappen- oder 30-Cent-Zuschlag bei einer Briefmarke gegen eine 100-, 500- oder 1000-Euro-Münze? Die Euro-Einführung hat einen ganz eigenen Sammlermarkt geschaffen (wobei ich mich an den derzeit intensiv geführten Diskussionen und Spekulationen, ob Euro-Münzen demnächst ein abgeschlossenes Sammelgebiet darstellen werden, nicht beteiligen will), der auch von der Industrie sehr gezielt bedient wird; es gibt alle möglichen Aufbewahrungssysteme und Kataloge speziell für diese Münzen.
      Nett für Kompilierer mit Tendenz zum Abhaken von Fehllisten – das haben beide Sammelgebiete gemeinsam.

      Glücklicherweise bieten beide Hobbys aber auch Sammlern mit Interesse an Geschichte und Geographie sehr viel; die Einarbeitung in ein philatelistisches oder numismatisches Gebiet erfordert gleichermassen intensive Beschäftigung mit politischen und sozialen Hintergünden, und ob Entwicklungen der Kolonialpolitik oder Fälschungsproblematik – die Parallelen sind da. Etwas überspitzt gesagt: Was der Überdruck mit neuem Nennwert (warum? was geschah damals?) für den Philatelisten, ist der → Gegenstempel für den Numismatiker, und sind begrenzte Gültigkeitsdaten von Briefmarken nicht nur moderne Äquivalente der → Verrufung, dazu gedacht, der Postverwaltung (= dem Münzherrn) Einnahmen zuzuführen? (Falls Sie übrigens glauben, die beiden Gebiete hätten nichts miteinander zu tun: Haben Sie sich schon einmal überlegt, dass das „d“ für „Pence“ auf britischen Briefmarken auf die karolingische Münzreform zurückgeht und dass dieses „d“ letztlich für den „Denar“ steht?)
      Solche Vergleiche lassen sich beliebig anstellen, wobei die Numismatik, deren Objekte eine mehr als zweitausend Jahre längere Geschichte als die der Philatelie haben, vielleicht sogar noch mehr Facetten bietet.


Erzbistum Magdeburg, Brakteat
Albrecht v. Käfernburg (1205 – 1232)
 

      Unterschiede zwischen Philatelie und Numismatik gibt es in ihrer Einordnung als historische (Hilfs-)Wissenschaften: Während in der Geschichte und Archäologie die Numismatik schon lange etabliert ist, kämpft der „historische Zweig“ der Philatelie, die Postgeschichte, noch immer um Akzeptanz als eigenes Gebiet im Kontext historischer Forschung (s. dazu die Literaturangaben auf dieser Seite). Das ist für einen Sammler vielleicht weniger bedeutsam, ihn interessieren andere Aspekte seines Hobbys, aber auch in diesem Sammleralltag kann man Unterschiede ausmachen:
      Der Wunsch nach „Vollständigkeit“ eines Sammelgebietes, bei Philatelisten verbreitet (je nach Intensität der Beschäftigung mit einem Gebiet von „in den Hauptnummern komplett“ bis zur Vervollständigung einer Sammlung von Stempeln, Plattenfehlern und Portostufen), ist in der Numismatik, ausser vielleicht in noch überschaubaren Gebieten wie Deutsches Kaiserreich nach 1871 oder Weimarer Republik, praktisch nicht anzutreffen. Auch nur alle Ausgaben eines römischen Kaisers zu finden, kann zur Lebensaufgabe werden, und falls jemand ernsthaft beabsichtigen sollte, die „Hauptnummern“ aus The Roman Imperial Coinage oder dem Corpus Nummorum Romanorum zusammenzutragen, müsste man ihm wohl einen sehr ausgeprägten Realitätsverlust attestieren.

      Problematisch ist, wie ich gerade bei den Brakteaten erlebe, auch die Beschaffung von Literatur und das teilweise Fehlen umfassender katalogmässiger Zusammenstellungen. Bei den erwähnten Brakteaten etwa wird häufig nach Sammlungen und Funden katalogisiert; eine der häufigst genannten Katalogisierungen ist Bonhoff xxx – diese bezieht sich auf den Auktionskatalog zur Versteigerung der Brakteatensammlung von Dr. Friedrich Bonhoff. Können Sie, liebe Philatelisten, sich vorstellen, dass das Gebiet Altdeutschland nach Boker xxx katalogisiert wird? Das wäre etwa die Analogie dazu in der Philatelie …

 


 

      Was bleibt als Fazit im Vergleich zwischen Philatelisten und Numismatikern? Grundsätzliche Betrachtungen über das Sammeln an sich lassen wir einmal ausser Acht – das reicht von Goethes „Sammler sind glückliche Menschen“ bis zu der sehr überzeugt vorgetragenen Meinung eines Kollegen von mir, jegliches Sammeln sei als zwanghaft einzustufen und damit abzulehnen. Lassen wir moderne Erzeugnisse, deren Ausgabe mehr durch kommerzielle Interessen als durch einen echten Bedarf entstanden ist, in beiden Gebieten ebenfalls aussen vor, stellt man fest, dass diese beiden grossen Sammelhobbys gleichermassen Menschen ansprechen, die sich für Geschichte, Geographie und Zusammenhänge im Verkehr zwischen Staaten interessieren – und dass beide Hobbys ihren Anhängern sehr viele Erkenntnisse und noch mehr Freude verschaffen können.

(Alle auf dieser Seite abgebildeten Münzen stammen aus der Sammlung des Autors.)


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 26. Dezember 2011, letzte Bearbeitung am 26. Dezember 2011.


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