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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Literatur-Sammelgebiete

Wann ist ein Buch „selten“?

      Siehe dazu auch „Was ist eine ‚Rarität‘?“ (dort geht es um Marken).
 

      Wie bei den Marken gibt es auch bei der Literatur echte Raritäten, und wie bei den Marken ist es auch bei den Büchern nicht allein die Auflage, die den Preis bestimmt.

      Nach langjähriger Beobachtung des Literatur-Marktes komme ich zu folgender – natürlich subjektiver – Einteilung der in Angeboten häufig etwas reisserisch gebrauchten („RRR!“) Raritätseinstufungen:

RRR Auflage bis 10 Exemplare
RR Auflage bis 100 Exemplare
R Auflage bis 200–300 Exemplare

      Die Kategorie RRR gibt es praktisch nur bei Luxusausgaben (Beispiel: Vellinga: De poststempels van Nederland 1676–1915; Luxusausgabe in sieben Exemplaren, bei der Niederlande-Literatur abgebildet). Wer ein Buch schreibt, möchte ja, dass es auch gelesen wird (und den Autor bekannt macht), und dazu ist eine solche Kleinstauflage nicht geeignet. Ausnahmen davon sind Bücher, bei denen die Anzahl der heute bekannten Exemplare unter zehn liegt; dann ist natürlich, trotz ursprünglich vielleicht deutlich höherer Auflage, die Einstufung RRR berechtigt.

      In der nächst häufigeren Kategorie RR finden wir ebenfalls die so genannten Luxusausgaben (Beispiel: Christensen/Ringström: The private local posts of Denmark; bei der Bypost-Literatur abgebildet). Hier gibt es aber auch Bücher, die tatsächlich nur in einer Auflage von bis zu 100 Stück gedruckt wurden, etwa den phantastischen Band von Dr. Dadkhah über die persischen Löwenmarken, von dem 90 Exemplare gedruckt wurden. Ein anderes Buch dieser Kategorie, Peplows The Postage Stamps of Buenos Aires, habe ich sehr lange suchen müssen – bei einer Auflage von 100 Stück (im Jahr 1925!) hat kein Antiquar dieses Werk in seinem Standard-Bestand.

      Viele klassische Standardwerke fallen in die Kategorie R, aber auch moderne Werke werden in solchen Auflagen gedruckt, etwa Amrheins Philatelic Literature mit einer Auflage von nur 220 Exemplaren bei Band II. Diese Bücher sind einfacher zu finden, aber oft noch immer recht teuer, und vor allem vollständige Exemplare (Fototafeln, enthaltene Neu-/Nachdrucke) muss man häufig lange „jagen“.

      Bei Auflagen von ca. 1000 Exemplaren ist ein Buch sicher nicht mehr „selten“; hier geht es dann, wie bei Marken, um die Qualität (Zustand von Einband und Buchblock) und wiederum um die Vollständigkeit; etwa bei Dienas I Francobolli del Regno di Napoli.

 

Vollständigkeit und Qualität

      Beide Punkte wurden im Kapitel oben schon angesprochen, aber sie verdienen noch eine kurze Betrachtung. Natürlich sind auch hier meine Aussagen absolut subjektiv, aber sie basieren auf langjährigem Sammeln von Literatur und den entsprechenden Marktbeobachtungen.

      Kaufen Sie nichts Unvollständiges. Sie laufen dem fehlenden Band, den fehlenden Fototafeln oder den eigentlich in das Buch gehörenden Neudrucken ewig hinterher, und die Chance, genau das zu finden, was Ihnen fehlt, ist meist kleiner als die, dann doch noch eine vollständige Ausgabe zu finden (1). Sie haben dann immer noch viel Geld ausgegeben, aber doch nichts „Richtiges“ in Ihrer Bibliothek. Wenn Sie einen bestimmten Band für eine philatelistische Forschungsarbeit unbedingt benötigen, sollten Sie gegebenenfalls auf einen Nachdruck ausweichen und in aller Ruhe weiter nach einem vollständigen Original suchen.

      Lassen Sie mich das an einem Beispiel „aus dem richtigen Leben“ illustrieren: Natürlich hätte ich gerne Die Postwertzeichen Spaniens und seiner Kolonien von Friedrich (Berlin 1894) in meiner Bibliothek. Im Sommer 2008 gab es ein Angebot in einem Antiquariat, mit den Fototafeln, aber mit dem Vermerk „nur Teil I“. Gleichzeitig fand ich in einem Auktionskatalog beide Bände, aber da hiess es zu Band I „nur 1 Bildtafel vorhanden“.
      Was tut man in dieser Situation? Beide kaufen? Dann hat man den ersten Band doppelt, und die Wahrscheinlichkeit, genau die noch fehlenden 12 Bildtafeln zu finden, um ihn zu ergänzen, ist, realistisch betrachtet, gleich Null. Also beide liegenlassen? Richtig, genau das! Ich habe mir angewöhnt, in solchen Fällen ganz gelassen abzuwarten – irgendwann finde ich beide Bände, vollständig mit allen Bildtafeln. Dafür bezahle ich dann lieber etwas mehr, aber dann werde ich dieses seltene Stück in einem Zustand in meine Bibliothek einordnen können, an dem ich auch langfristig Freude habe. (Nachtrag Juli 2011: Inzwischen habe ich den Friedrich – beide Bände, komplett mit allen Fototafeln. Warten lohnt sich!)

      Zur Qualität: Ich kaufe lieber ein Buch in beschädigtem Originaleinband als neu eingebunden (obwohl man hier bei sehr seltenen Büchern oft nicht mehr wählerisch sein kann). Den Einband kann mein Haus-Buchbinder notfalls restaurieren, und ein Buch im (annähernden) Originalzustand ist einfach schöner. Wie gesagt: Alles absolut subjektiv, aber bewährt …

 

Seltenheit und Preis

      Auch hier gibt es Parallelen zum Markt bei Briefmarken. Wichers Niederlande Ziffernausgabe 1876 mit einer Auflage von 200 Exemplaren finden Sie beim Antiquar für ca. 50,– Franken, für Napiers The Stamps of the first Issue of Brazil (Auflage ebenfalls 200) ist, komplett mit den 40 Fototafeln, schon ein vierstelliger Betrag fällig.

      Natürlich ist bei alten Büchern zu berücksichtigen, dass 100 und mehr Jahre nach Erscheinen etliche Exemplare auf die eine oder andere Art verlorengegangen sind, so dass sich die Seltenheit des Restbestandes schon dadurch erhöht.
      Viele solcher Bücher sind auch als Standardwerke des jeweiligen Gebietes zu einem gewissen Prozentsatz in Bibliotheken verschwunden und dem Markt dadurch definitiv entzogen worden.

      Insgesamt spielt aber das Interesse am jeweiligen Gebiet wohl die grösste Rolle bei der Preisfindung. Altschweiz oder britische Kolonien (wie ich bei der Suche nach Standardwerken zum Kap der Guten Hoffnung feststellen musste) etwa sind international beliebte Gebiete. Auch wenn die Erfahrung zeigt, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Sammler überhaupt bereit ist, viel Geld für Literatur auszugeben, schafft das schon eine erhebliche Verknappung dieses Materials im Büchermarkt bei häufig gesammelten Ländern. Beispiel: Die deutsche Ausgabe (Auflage 150) von Mirabaud/Reuterskiöld Die schweizerischen Postmarken 1843–1862, einem Standardwerk des beliebten Gebietes Altschweiz, ist unter Fr. 3000,– nicht zu bekommen.

 

Fazit

      Die „Seltenheit“ eines Buches lässt sich nur zu einem Teil aus der Höhe der Auflage herleiten. Angebot und Nachfrage sind ebenso bestimmend für die Verfügbarkeit im antiquarischen Markt und damit auch den Preis; die ältere Literatur zu populären Sammelgebieten wird auch bei Auflagen von einigen hundert Exemplaren immer schwierig zu finden und entsprechend teuer zu bezahlen sein.


Fussnoten:

  1. Wenn Sie sich auf dieser Website gründlich umsehen, fällt Ihnen vielleicht auf, dass ich selbst einmal von diesem Grundsatz abgewichen bin: Auf der Seite über Literatur zu den chilenischen Colon-Ausgaben habe ich erwähnt, dass ich die Fototafeln aus dem 1923 erschienenen Band Notes on the Gillet Lithographs of 1854 besitze, aber nicht das Buch selbst. Diesen Kauf habe ich riskiert, denn es ist immer noch wahrscheinlicher, das Buch ohne die Fototafeln zu finden als umgekehrt.

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Erste Veröffentlichung am 24. Januar 2009, letzte Bearbeitung am 1. Februar 2014.


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