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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Zemstvo (Земство) –; Marken der russischen Landschaftsämter 1866–1919

Einleitung

      Zemstvo – selbst bei erfahrenen Philatelisten findet man als Reaktion auf dieses Wort, wie ich selbst erlebt habe, manchmal nur einen fragenden Blick. Was, bitte, ist das?

      Wir reden hier von den so genannten Ruralmarken oder Landschaftsmarken, nach Häger auch Distriktsmarken, des russischen Kaiserreichs.
      Wir reden damit übrigens von einem Gebiet, in dem es etwa 3000 verschiedene Marken gab, es geht also keineswegs um eine philatelistische „Nische“.

      Unter Philatelisten bekannt ist allenfalls aus diversen Auktionskatalogen noch die Wenden’sche Kreispost. Viele Russland-Sammler zählen sie nicht zu den Zemstvo-Ausgaben, während andere Autoren (Häger, aktuell Amrhein) sich darüber wundern, dass sie als einzige Landschaftsmarken Aufnahme in die Standard-Kataloge gefunden haben.

      Schon 1925 schrieb Chuchin „that the stamps have not been included in catalogue current in defferent countries and have therefore failed to be legalized for collectioneering – is an incredible mistake; in the same catalogues stamps like those of Wenden, ‚РОПнТ‘ (Russian Steam Navigation and Trading Company) etc. are to be found together with the State postage stamps.“ (Orthographie original von Chuchin übernommen)
      („Dass die Marken in die aktuellen Kataloge verschiedenster Länder nicht mit aufgenommen und somit nicht als offizielle Sammelobjekte anerkannt wurden, ist ein unglaublicher Fehler; in denselben Katalogen findet man Marken wie die von Wenden, der russischen Dampfschiff- und Handelsgesellschaft etc. neben den staatlichen Ausgaben.“)

Wenden’sche Kreispost MiNr. 11 Die relativ grosse Popularität einer russischen Ausgabe bei deutschsprachigen Sammlern verdankt die Wenden’sche Kreispost vielleicht der Tatsache, dass dort noch bis etwa 1900 Marken mit deutscher Inschrift verausgabt wurden.
 
Abb.: Wenden’sche Kreispost, MiNr. 11

      Was also sind Zemstvo-Marken?

      Das russische Reich war schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts riesig (s. Abb. unten). Es gab natürlich Postbeförderung, und es gab Postrouten, aber es war der staatlichen Post nicht möglich, sämtliche Dörfer auch in den entlegensten Regionen zu bedienen.

Das russische Reich um 1900
Das russische Reich um 1900
(Quelle: Meyers Konversationslexikon, 4. Auflage, 1885–1890)

      Seit 1864 gab es in Russland die von Zar Alexander II. (1818–1881, Zar seit 1855) eingeführten Zemstvos, lokale politische Verwaltungsgremien, vergleichbar etwa mit einem deutschen Kreistag. Ihre Zuständigkeiten und Kompetenzen gingen allerdings sehr weit und beinhalteten z. B. auch das Schulwesen und die Gesundheitsversorgung im jeweiligen Distrikt.

      Die Einrichtung der Zemstvos galt damals als Schritt zur Liberalisierung, denn die Mitglieder wurden für eine definierte Amtszeit gewählt, nicht einfach „von oben“ bestimmt. Der Wahlmodus stellte allerdings sicher, dass der Adel in diesen Institutionen immer eine solide Mehrheit behielt – das Verständnis eines Zars von demokratischer Mitbestimmung war eben doch etwas anders als heute das unsrige …

      Wenn man also das Postwesen abseits der Hauptrouten, auf Ebene der Distrikte, verbessern wollte, bot es sich an, bestehende Organisationsstrukturen zu nutzen. Ab 1865 begannen einzelne Zemstvos, eine lokale Post zu organisieren, deren Aufgabe der Postdienst innerhalb des Distrikts und die Verbindung zur zaristischen Post war. Bis 1870 unterhielten bereits rund 30 Zemstvos einen solchen Postbetrieb; sie bewegten sich dabei jedoch juristisch in einer gewissen „Grauzone“.
      Mit einer ministerialen Anordnung vom 3. September 1870 wurde der Status der Zemstvos als lokale Postbehörden dann formal festgeschrieben und ihnen z. B. das Recht verliehen, eigene Marken auszugeben. Für diese galt die Bedingung, dass sie sich bildlich von den Ausgaben der kaiserlichen Post unterscheiden mussten, jedoch wurde dies nicht allzu strikt verfolgt.

      Die Zemstvos sind ihrer Natur nach etwas anderes als die deutschen Privatpostmarken: Carl Schmidt bezeichnete die Zemstvo-Posten zu Recht als „unbedingt notwendige Ergänzung“ der zaristischen Post, mit deren Ausgabe „keinerlei Privatinteressen verfolgt“ wurden, was sie von auf Gewinn ausgerichteten privaten Postbetreibern grundsätzlich unterscheidet. Zemstvo-Posten waren nie eine Konkurrenz der staatlichen Post!


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 6. April 2007, letzte Bearbeitung am 22. Juni 2008.


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