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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Philatelistische Miscellen

The Good, the Bad and the Ugly – Echte und zweifelhafte Raritäten

Falschheit steckt auch hinter einem schönen Gesicht.

Dänisches Sprichwort

      Berühmt sind sie alle, die hier vorgestellten Raritäten. Es sind Marken, die jeder Philatelist kennt, echte „Weltraritäten“, aber sie sind auch teilweise umstritten. Interessant sind die Geschichten hinter diesen Marken, über die teilweise Bücher geschrieben wurden.


The Good: Die Tre Skilling Banco (Treskilling Yellow)

      Während der Arbeit an diesem Kapitel bin ich, was diese Marke angeht, vom Saulus zum Paulus geworden. Es werden eben im Web Informationen gerne unreflektiert und ohne Darstellung der Hintergründe verbreitet; auf diversen Websites hatte ich gelesen, dass eine schwedische Expertenkommission den Ankauf der Marke ablehnte, weil sie sie für falsch hielt, und ich stand der Tre Skilling deshalb eher etwas zurückhaltend gegenüber.
      Diese Geschichte ist zwar richtig, aber es ist eben nicht die ganze Geschichte – dazu später mehr.

      Wer klassische Philatelie als ernsthaftes Sammel- und Forschungsgebiet ansieht, wird vielleicht auch durch den Medienrummel, der um diese Marke getrieben wurde, schon negativ eingestimmt; immerhin hat sie sogar die Aufnahme ins „Guinness Buch der Rekorde“ geschafft, als nach Gewicht und Volumen teuerster je von Menschen hergestellter Gegenstand (70,088 Milliarden Dollar pro Kilogramm). Das sind keine für einen seriösen Philatelisten relevante Kriterien …

Tre Skilling Banco (Treskilling Yellow)

      Schön ist sie nicht: Der Oberrand ist nachgezähnt, der Stempelabschlag etwas verschmiert – und trotzdem ist sie die teuerste Marke der Welt!

      Was haben wir hier vor uns? Ganz nüchtern nach Michel die Schweden Nr. 1 F, „gelborange (Farbfehldruck)“, nach Scott die Nr. 1a, „orange (error)“.

      Bläulichgrün sollte sie sein, aber ganz sicher nicht gelb!

      Die Geschichte dieser Marke ist bestens dokumentiert, es gibt sogar eine eidesstattliche Erklärung ihres Entdeckers, in der er die Umstände beschreibt, unter denen er in den Besitz dieser Marke kam, und trotzdem wird ihre Echtheit immer wieder angezweifelt.

      Farbfehldrucke sind immer problematisch, denn talentierte Chemiker können teilweise mit geringem Aufwand eine Farbe in eine andere überführen. Dann ist da noch die Geschichte mit der Expertenkommission des schwedischen Reichspostmuseums, die von einem Erwerb dieser Marke abriet, da es eine Fälschung sei.

      Ist die Weltrarität Nr. 1 also nur ein übles Machwerk aus der Werkstatt eines kreativen Fälschers?

      Wie eingangs gesagt: Ehe ich die Literatur zu dieser Marke gelesen hatte, gehörte ich zu denen, die ihre Echtheit zumindest für zweifelhaft hielten. Da ich der Tre Skilling ein Kapitel auf dieser Seite widmen wollte, beschaffte ich mir zunächst die entsprechende Literatur, und inzwischen halte ich sie uneingeschränkt für echt.

      Tatsächlich wurde die Marke von einer schwedischen Expertenkommission 1974 für falsch erklärt. Daraufhin nahm sich die schwedische Firma Frimärkshuset der Marke an, um endlich definitiv feststellen zu lassen, ob es sich um eine Fälschung handelt.
      Ähnlich wie bei den unten beschriebenen „Grinnells“ war für die Urteilsfindung eine Kombination aus Labortechnik und postgeschichtlichem Wissen entscheidend. Ich will hier nicht die ganze komplizierte Geschichte im Detail erzählen; kurz gesagt basiert die Expertise darauf, dass eine Analyse der Farbpigmente der Tre Skilling zeigte, dass sie identisch mit den bei einer Teilauflage der gelben 8 Skilling verwendeten sind, und dass die örtliche und zeitliche Verwendung dieser Auflage sich mit den Stempelfragmenten auf der Marke deckt.

      Wir dürfen also weiterhin in diesem gelb-orangenen Stückchen bedruckten Papiers, je nach Neigung, den „teuersten je von Menschen gemachten Gegenstand“ oder eine der beiden grössten philatelistischen Raritäten bewundern. (Die andere ist das „schwarze Segelschiff auf rotem Grund“ von British Guiana – dazu demnächst mehr …)


Literatur:


Links zur „Tre Skilling Banco“:

 



 

The Bad: Die Grinnells (Grinnell Missionaries)

      Die „Missionare“ von Hawaii gehören zu den seltensten Stücken der Klassik; es sind die teuersten in der Philatelie bekannten Erstausgaben. Ihren Namen verdanken sie der Tatsache, dass sie mehrheitlich für den Briefverkehr von auf Hawaii lebenden Missionaren verwendet wurden.
      Es gibt drei Wertstufen, 2, 5 und 13 Cent, wobei die letztere in zwei Versionen vorkommt. Insgesamt sind von diesen vier Marken heute zusammen 197 Exemplare bekannt. Der seltenste Wert ist die 2-Cent-Marke; der Pariser Sammler Gaston Leroux wurde 1892 wegen einer solchen Marke → ermordet, sie war damals schon eine gesuchte Rarität.

      Wenn sich der Weltbestand solcher Marken plötzlich um 35 % erhöht, ist das schon eine Sensation – und genau das geschah 1918. In diesem Jahr erhielt der Amerikaner George Grinnell von einem Mr. Charles B. Chattuck nicht weniger als 71 „Missionare“. 43 davon verkaufte er einige Zeit später für die damals gewaltige Summe von $ 65 000,– an den Briefmarkenhändler Klemann, dieser verkaufte die 16 schönsten für $ 75 000,– an den bekannten Sammler Caspary.
      Caspary verglich seine Neuerwerbungen mit anderen „Missionaren“ in seiner Sammlung und erklärte sie daraufhin für falsch.

      Damit begann eine Geschichte, die jetzt seit über 80 Jahren andauert und inzwischen vier Generationen der beteiligten Familien involviert.

      Klemann verklagte Grinnell, weil dieser ihm Fälschungen als echt verkauft habe. In dem Prozess, der im Sommer 1922 stattfand, wurden die Marken für falsch erklärt, und Grinnell musste Schadenersatz an Klemann bezahlen.

      Seitdem versuchten zunächst Grinnell, später seine Nachkommen ebenso wie die Nachfahren des ursprïnglichen Besitzers Chattuck, immer wieder, die Echtheit der „Grinnells“, wie die Marken inzwischen genannt werden, zu beweisen.
      Die Marken befinden sich inzwischen mehrheitlich im Besitz der beiden Familien; 2002 beschlossen die Nachkommen der beiden ursprünglichen Besitzer (die Enkelin George Grinnells und der Urenkel von Charles Shattuck), die Frage echt oder falsch definitiv klären zu lassen und übergaben 55 Marken aus ihren Beständen an die Expertenkommission der Royal Philatelic Society London.

Pearson: The Grinnell Hawaiian Missionary Stamps

      Das Gutachten, das inzwischen mit Einverständnis der Auftraggeber als Buch publiziert wurde (links), ist ein Lehrstück in sowohl postgeschichtlicher wie technischer Analyse von Briefmarken. Das Urteil der RPSL lässt sich in zwei Zeilen zusammenfassen:
      Hawaii – Grinnell Missionaries – Final Opinion
      Opinion: forgeries

      Eigentlich wäre die Sache damit erledigt – aber jetzt fingen die Diskussionen erst richtig an. Im Summer Seminar der American Philatelic Society, das unmittelbar im Anschluss an die Weltausstellung in Washington 2006 abgehalten wurde, waren die „Grinnells“ ein grosses Thema, und die Debatte um diese Stücke ist immer noch nicht abgeschlossen – viele, vor allem amerikanische, Philatelisten mögen sich nicht damit abfinden, dass diese Marken schnöde Fälschungen sein sollen. Man darf gespannt sein, wie das noch weitergehen wird …


Literatur:


Links zu den „Hawaii Missionaries“:

 



Wird fortgesetzt …


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Erste Veröffentlichung am 10. September 2006, letzte Bearbeitung am 5. Januar 2014.


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