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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Philatelistische Miscellen

Charles Ponzi und die Philatelie

Charles Ponzi

      Nehmen wir einmal an, dass Ihnen jemand für eine Geldanlage in extrem kurzer Zeit eine extrem hohe Rendite verspricht. Wie würden Sie reagieren?
      Sie sind natürlich als aufgeklärter, intelligenter Mensch sofort davon überzeugt, dass irgendetwas an diesem Modell nicht stimmen kann, und lehnen dankend ab.

      Tun Sie das wirklich? Oder verleiten Sie Dummheit/Naivität/Gutgläubigkeit/Gier nicht vielleicht doch dazu, es einmal bei diesem Anleger zu versuchen? Und wenn dann die ersten Zahlungen der versprochenen hohen Rendite eintreffen, legen Sie dann nicht gerne noch einmal nach, bis hin zu Ihrem gesamten Vermögen einschliesslich der Altersvorsorge und einer Hypothek auf das Eigenheim?

      Wenn Sie das tun, sind Sie tatsächlich dumm/naiv/gutgläubig/gierig, aber wenigstens befinden Sie sich in bester Gesellschaft. Diese schönen Modelle, die natürlich – um es für diejenigen zu erklären, die immer noch nicht wissen, wie das funktioniert – nur solange laufen, wie immer neues Geld „angelegt“ wird, mit dem man die „Renditen“ aus nicht existierenden Geschäften an die früheren Investoren bezahlen kann, nutzen nur einem, und das ist der Bauernfänger, der an der Spitze des jeweiligen „Unternehmens“ steht.

      Solche Geschäfte werden im Englischen als Ponzi scheme bezeichnet. Der besagte Herr war nicht der erste Abzocker dieser Art (Entschuldigung, man kann es nicht anders nennen), aber er trieb dieses „Geschäftsmodell“ als erster zu bis dahin nicht gekannten Rekorden. In seiner besten Zeit sollen ihm die Anleger täglich (!) 250 000,– Dollar gebracht haben, und das war 1920!

      Solche Modelle sind uralt, die Zeitungen sind voll davon, aber niemand lernt daraus. Gerade hier in der Schweiz ist die Geschichte des European Kings Club, der 1994 zusammenbrach (was bei all diesen Modellen früher oder später passiert), vielen noch relativ frisch in Erinnerung. Die Anleger verloren damals 1,1 Milliarden Dollar!
      Ganz aktuell, während ich diese Seite vorbereitete, wurde die Finanzwelt durch den Zusammenbruch des Wirtschaftsimperiums von Bernard L. Madoff im Dezember 2008 erschüttert. Der Betrag, um den es geht, lässt Charles Ponzi als kleinen Amateur dastehen: 50 Milliarden Dollar (ca. € 38 Mrd.) sind hier im Gespräch. Auch Madoffs Geschäftsmodell basierte auf einer Art Schneeballsystem.
 

Danke für die Warnung – und was hat das mit Philatelie zu tun?

      Leider mehr, als Sie vielleicht denken, und das nicht nur, weil Ponzis Modell auf → Geschäften mit internationalen Antwortscheinen basierte. Schon seit Jahren heisst es auf dieser Website, auf einer der ersten Seiten, die es gleich zur Eröffnung dieser Site gab: „Vergessen Sie alles, was mit der Idee ‚Mit Briefmarken reich werden‘ zu tun hat.“
      Das ist leicht gesagt, aber die Verlockung, durch eine vermeintlich sichere Anlage mit einem garantierten hohen Gewinn das „schnelle Geld zu machen“, ist so gross, dass ihr auch eigentlich rational denkende Menschen immer wieder erliegen.

 

Paul Singer – clevere Ideen auf der grünen Insel

Padraic O’Farrell: Tales for the telling
Auch in nicht-philatelistischer Literatur
findet man interessante Geschichten
 

      Dr. Paul Singer hat in Irland Justizgeschichte geschrieben. Mehrere Verhaftungen, endlose Verfahren, und am Ende war Mr. Singer ebenso verschwunden wie ca. zwei Millionen Pfund. Was war da geschehen?

      Zum ersten Mal las ich vor vielen Jahren in Doberers Kulturgeschichte der Briefmarke über die dubiosen Geschäfte des Herrn Singer. Wesentlich ausführlicher fand ich die ganze Geschichte dann in dem links gezeigten Buch, das ich eher zufällig in einem Antiquariat fand. Irland ist kein reiches Land und war dies in den späten fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts erst recht nicht, und ein Finanzbetrug in Millionenhöhe erregte damals beträchtliche Aufmerksamkeit. (Heute braucht man dafür schon zweistellige Milliardenbeträge.)

      Dabei begann alles ziemlich unauffällig. Als Paul Singer in das von Jerome Shanahan und seinem Sohn Arthur Desmond geführte Dubliner Auktionshaus Shanahan einstieg, führte er nach kurzer Zeit ein Modell ein, das es bis dahin noch nicht gegeben hatte: Shanahan bot seinen Kunden eine garantierte Rücknahme ersteigerter Lose an. Nach kurzer Zeit wurde das Modell erweitert: Singer gab Anteilscheine aus, die es jedem erlaubten, mit Beträgen ab zehn Pfund an den garantierten Gewinnsteigerungen (die Rede war von 20–30 %) teilzuhaben. Manche investierten zehn oder hundert Pfund, andere die Ersparnisse ihres ganzen Lebens – der Markt für rare und teure Briefmarken schien zu boomen, die Anleger erhielten die versprochenen Renditen. Das sprach sich herum und führte zu einer stetig wachsenden Zahl von Anlegern. Das vormals kleine Auktionshaus in Dublin spielte bald in der ersten Liga mit, bekam sogar Marken aus der Burrus-Sammlung zur Versteigerung.

      Die Probleme begannen am 9. Mai 1959, als die Angestellten von Shanahan Auctions einen Einbruch in die Geschäftsräume entdeckten. Der luxuriöse Lebensstil von Paul Singer hatte viele schon lange gestört („Singer was now living the life of an Irish lord.“ [O’Farrell]), im internationalen Auktionsgeschäft war er wegen seiner Geschäftsmethoden auch nicht gerade populär, und ein solches Ereignis führte dazu, dass das Vertrauen in die Firma schlagartig zusammenbrach. War vorher der Posteingang bei Shanahan voll gewesen von Coupons, mit denen Anleger in das Singer’sche Geschäftsmodell einsteigen wollten, kamen jetzt in grosser Zahl Anfragen nach sofortiger Auszahlung. Am 25. Mai 1959 musste Shanahan’s Stamp Auctions Insolvenz anmelden. Forderungen von ca. 9000 Anlegern summierten sich zu fast zwei Millionen Pfund, denen Aktiva im Wert von gerade einmal 4–500 000 Pfund gegenüberstanden.

      Eine Buchprüfung bei Shanahan ergab gewisse Unregelmässigkeiten – viel Geld war in Übersee angelegt, Zahlungen für versteigerte Sammlungen waren noch nicht geleistet worden. Am 29. Mai 1959 wurden Paul Singer, seine Frau und die Shanahans verhaftet und wegen Verschwörung zum Betrug (conspiracy to cheat and defraud) angeklagt. Was dann folgte, wurde zum längsten und teuersten Prozess der irischen Justizgeschichte. Singer setzte aufgrund eines Formfehlers beim Obersten Gerichtshof seine Freilassung durch, wurde aber sofort nach dem Verlassen des Gefängnisses wieder verhaftet. In einem Prozess wurde er schliesslich wegen Betrugs zu 14 Jahren Haft verurteilt. Singer war nicht der Mann, der so etwas einfach hinnahm: Aus dem Gefängnis bereitete er die Revision vor und wurde schliesslich in einem erneuten Prozess freigesprochen.
      Am folgenden Tag waren Paul Singer und seine Frau verschwunden.

 

Afinsa und Fórum Filatélico – clevere Ideen im sonnigen Süden

Presseberichte zur Afinsa-Affäre
Auf den Websites renommierter Zeitungen finden Sie diese Artikel:
Oben links: Die Welt, 17. Mai 2006; oben rechts: Financial Times, 11. Mai 2006
Unten links: Forbes Magazine, 5. Oktober 2006; unten rechts: The Wall Street Journal, 10. Mai 2006

      Im Frühling 2006 ging ein Beben durch die philatelistische Welt, und diesmal ging es um drei Grössenordnungen mehr als knapp fünfzig Jahre vorher bei Shanahan: Nicht von Millionen, sondern von Milliarden ist hier die Rede – zehn Millionen Euro in bar fand man ja schon bei einer Hausdurchsuchung bei einem der Verdächtigen!

      Gewisse Parallelen zwischen Shanahan und Afinsa/Fórum Filatélico sind durchaus erkennbar: Auch bei diesen beiden Firmen setzte man auf ein Beteiligungs- oder Investititonsmodell in Briefmarken, und wie bei Shanahan waren es viele „kleine Leute“, die im Vertrauen auf den Namen einer bekannten und erfolgreichen Firma ihre gesamten Ersparnisse investierten. In manchen Dörfern in Spanien soll die Hälfte der Bevölkerung ihr Geld in einem der Unternehmen angelegt haben.

      Das Problem: Die Markenbestände, also die Investitionsgüter, in welche die Anleger ihr Geld gesteckt hatten, waren bei Afinsa nach Presseberichten um bis zu 900 % gegenüber den Katalognotierungen überbewertet. Erste Unruhe kam auf, als der renommierte Versicherungskonzern Lloyd’s of London Afinsa die Policen kündigte. Nach der, durch die Klage eines Anlegers initiierten, Verhaftung der Direktoren der beiden Handelshäuser fiel der Aktienkurs des zu Afinsa gehörenden Auktionshauses Escala (vormals nach Sotheby’s und Christie’s drittgrösstes Auktionshaus der Welt) ins Bodenlose.

      Knapp drei Jahre ist das nun her, und interessant ist, was weiter geschah: Nichts.
      Geben Sie „Afinsa“ auf den Websites grosser Zeitungen als Suchbegiff ein, werden Sie feststellen, dass die Berichte nach der anfänglichen Aufregung Ende 2006 aufhören. Die aktuellste Meldung, die ich gefunden habe, datiert vom 2. 2. 2008: Die spanische Zeitung El País berichtet in einem → Artikel, dass der Marktwert der bei Fórum Filatélico gefundenen Marken nicht, wie von den Managern behauptet, 1,38 Milliarden Euro, sondern lediglich 283 Millionen Euro betrage. Nicht einmal absolute Laien, die mit einem Michel-Katalog über Grossvaters Sammlung sitzen, schaffen es, sich diese um 500 % „schön zu rechnen“.
      Ich werde die weitere Entwicklung natürlich beobachten und diese Seite entsprechend ergänzen.

Aktualisierung und Schluss (20. Juni 2016)
      Nach längerer Zeit habe ich heute wieder einmal im Web recherchiert, was es im Fall Fórum Filatélico Neues gibt. Aus den deutschsprachigen Zeitungen ist die Geschichte verschwunden, in Spanien dagegen wurde über den Prozess, als er nach fast neun Jahren endlich begann, ausführlich berichtet. Zwei Artikel in der bereits oben zitierten Zeitung El País dazu:

      Die siebte Wirtschaftsstrafkammer in Madrid hat den ehemaligen Präsidenten, den Geschäftsführer und vier Direktoren dazu verurteilt, den Restbetrag der Gesamtschulden von 2,259 Miliarden Euro, der nach Liquidation der Firma übrigbleibt, zu gleichen Teilen (je 16,6 %) zu bezahlen; ausserdem wurde ihnen für die Zeit von 15 Jahren jegliche geschäftliche Tätigkeit verboten. Sieben weitere Angeklagte wurden freigesprochen.
      Insgesamt wurden durch Fórum Filatélico ca. 260 000 Anleger geschädigt.

 

      Wie gesagt: Vergessen Sie alles, was mit der Idee „Mit Briefmarken reich werden“ zu tun hat …


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 2. Februar 2009, letzte Bearbeitung am 20. Juni 2016.


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