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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Deutsches Reich

Das „Vineta-Provisorium“ – ein philatelistisches Ärgernis

      Kennen Sie dieses Machwerk? Eine Marke mit dubioser Geschichte, die es aus irgendeinem Grund sogar für lange Zeit zu einer Hauptnummer im Michel-Katalog gebracht hatte, aktuell – dem Schwaneberger Verlag sei Dank! – aber diesen Status wieder verloren hat, allerdings immer noch im falschen Gebiet katalogisiert ist.

      Diese Ausgabe ist ein schönes Beispiel für das Spannungsfeld zwischen Kommerz und Philatelie. Bevor wir aber diese Aspekte beleuchten, sollten Sie den Hintergrund zu dieser Ausgabe kennen.
      Da ich nichts davon halte, Informationen, die Sie an anderer Stelle auf dem Web bereits sachkundig dargeboten finden, zum x-ten Mal zu wiederholen, lesen Sie doch bitte, falls Ihnen „Vineta-Provisorium“ nicht viel sagt, zunächst den → Lexikoneintrag aus Hägers Kleinem Lexikon der Philatelie auf der Website der Philatelistischen Bibliothek Hamburg e.V. zum „Vineta-Provisorium“ – damit ist eigentlich schon alles gesagt.

      Was haben wir hier also? Eine unter Missachtung aller postalischen und militärischen Verordnungen selbst gebastelte Markenausgabe, die zudem auch noch ausserhalb des (angeblichen) Grundes ihrer Entstehung verwendet wurde. Ein reines Machwerk also, oder, wie Doberer schrieb: „Es war – mit einem Wort – die vollkommene Kinderpost-Spielerei.“

      Das wirklich Ärgerliche – eigentlich Traurige – daran ist das Schicksal dieser Marke in den Katalogen: Statt dieses Opus, wenn man es denn überhaupt in einen Katalog aufnehmen wollte (wozu bei einem nicht autorisierten Privatdruck eigentlich keine Notwendigkeit bestand), wenigstens noch unter „Deutsche Schiffspost im Ausland“ zu erfassen, bekam es eine Hauptnummer unter „Deutschland“ in den zeitgenössischen Katalogen!

      Nun gibt es eine gewisse Zahl von Sammlern, bei denen das Volumen der Brieftasche leider in umgekehrtem Verhältnis zum Volumen ihres philatelistischen Fachwissens steht, und diese Kompilierer müssen nun einmal alles haben, was eine Katalognummer hat. (Vorschlag an die Michel-Redaktion: Stellen Sie doch einmal eine Edeka- oder Rewe-Rabattmarke aus den Sechzigern mit einer Hauptnummer unter „Bund“ in den Katalog – die Preise werden explodieren! Das wäre doch ein nettes Experiment …)

      Während ich dies schreibe, liegt neben mir „Gebrüder Senfs Illustrierter Briefmarkenkatalog 1935“. Das „Vineta-Provisorium“ ist dort unter „Deutsches Reich“ mit der Katalognummer 67 (wie bei Michel) ungebraucht mit nicht weniger als 1000,– Reichsmark notiert! (Zum Vergleich: Der „Sachsendreier“ bringt es auf 1800,–, die schwarze 1 Kreuzer Bayern auf 175,– Reichsmark.)

      Im Jahr 1944 kam dann die gute Nachricht, Philatelie hatte offenbar über Marktinteressen gesiegt. Müller-Mark schreibt zum Michel-Katalog 1944/45: „Die ‚Vineta‘ erhielt statt der bisherigen Nr. 67 die römische Nr. I, womit sie als das gekennzeichnet ist, was sie ist, nämlich eine von untergeordneter Stelle ausgegebene Marke.“

      Was man 1944 schon wusste, vergass man aber offenbar irgendwann wieder, obwohl der eher zweifelhafte Hintergrund dieser Ausgabe kein Geheimnis war:

      Eigentlich hätte das „Vineta-Provisorium“ also in der verdienten Versenkung verschwinden müssen, aber was geschah? Die Katalog-Nr. 67 feierte ihre Wiederauferstehung!
 

Der Kotau vor dem schnöden Mammon

      Diese kleine Geschichte gehört nicht direkt zum Thema, weil sie nichts mit dem Vineta-Provisorium zu tun hat, aber sie illustriert sehr schön die Macht des Geldes in der Philatelie.

      Vor einigen Jahren besuchte ich eine Briefmarken-Ausstellung – wann und wo, ist eigentlich egal, die Insider werden es wissen …
      Begleitet wurde ich von einem eher modern orientierten Philatelisten, dem ich bei der Gelegenheit etwas von der Faszination klassischer Philatelie vermitteln wollte. Ein Exponat ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben: Einige Rahmen zu einem „Altdeutschland“-Gebiet (welches, ist egal – siehe oben …) mit grossen und grössten Raritäten. Die Informationen dazu allerdings beschränkten sich mehrheitlich auf den Vermerk „Grösste bekannte Einheit“. Nichts weiter – keine Angaben zur Ausgabe, Drucktechnik, Postgeschichte oder irgendetwas, was mit eigentlicher Philatelie zu tun hätte. Glücklicherweise konnte ich meinem Begleiter die erforderlichen Informationen liefern, ansonsten hätte er beim Betrachten dieser Rahmen überhaupt nichts über Altdeutschland gelernt. Dieses Exponat bekam – richtig: Eine Goldmedaille!

      Hier wurde nicht eine philatelistische Leistung honoriert – es gab nämlich keine –, sondern lediglich die Finanzkraft des Sammlers (Kompilierers, Anlegers) ausgezeichnet. Vielleicht sollte der Besitzer dieser Sammlung demnächst einfach nur die Versicherungspolice in einem Rahmen montieren und darunter schreiben „Ist alles meins!“, dann müsste er nicht die wertvollen Marken aus dem Safe nehmen, und für Gold sollte das allemal reichen …

      Jetzt hatten wir also wieder unsere Nr. 67 – sie war inzwischen nicht legaler oder amtlicher geworden, aber immer teurer.
      Die Hauptnummern-Sammler hatten wieder etwas gefunden, worauf sie sich stürzen konnten, und Nr. 67 erreichte zuletzt die phantastische Notierung von DM 25 000,– ungebraucht und 45 000,– gestempelt.

      Das „Vineta-Provisorium“ ist vielfach gefälscht worden. In einem exzellent recherchierten Artikel hat Maassen 2005 dargelegt, warum der berühmte, auf der IBRA 1999 in Hannover gezeigte Brief mit fünf Exemplaren dieser Marke (darunter einem Viererblock) wohl doch echt und nicht, wie vorher vermutet, eine Fälschung ist. Darum geht es hier aber nicht, denn das ändert nichts an dem philatelistisch insgesamt äusserst zweifelhaften Charakter dieser Marke – ein echtes Machwerk ist immer noch ein Machwerk.

      Vor einigen Jahren hatte der Schwaneberger Verlag dann offenbar genug von dem Treiben um eine mehr als zweifelhafte Ausgabe. Aktuell finden wir im Michel-Katalog beim Deutschen Reich – leider immer noch nicht bei der „Deutschen Schiffspost im Ausland“ – hinter Nr. 62 die Nummer A I „Halbierung der MiNr. 55“. Die Preisnotierungen sind immer noch astronomisch, aber das normalisiert sich allmählich:
      Bei der 295. Auktion von → Götz im Januar 2005 erzielte ein Paar des „Vineta-Provisoriums“ auf kompletter Postkarte, laut Katalog immerhin ein 40 000-Euro-Beleg, nicht einmal den Startpreis von € 10 000,–, und bei der „→ Darmstädter Briefmarkenauktion“ blieb ein „Vineta-Provisorium“ auf Streifband mit einem Zuschlag von € 3500,– weit unter der Katalognotierung von € 22 000,–. Was eine Umnummerierung nicht alles bewirken kann …
      Ganz klein im Deutschland-Spezialkatalog findet man jetzt die lang ersehnte Notiz „MiNr. 67 fällt aus“.
      Die Michel-Redaktion hat der Philatelie einen Dienst erwiesen – danke!


Anhang: Das „Kieta-Provisorium“

      Auch das in der oben zitierten Aufstellung von Tröndle erwähnte „Kieta-Provosorium“ verdient besondere Beachtung, weil es auch hier sehr lange gedauert hat, bis der Schwaneberger Verlag diesem äusserst dubiosen Stück die Hauptnummer entzogen hat. Noch vor einigen Jahren gab es ein Auktionsergebnis (Württembergisches Auktionshaus Stuttgart, 28. August 2004), das anschaulich zeigte, dass es immer noch diese Hauptnummer-muss-ich-haben-Sammler gibt, die offenbar zuviel Geld haben.

      Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung „Kieta-Provosorium“? Der Michel-Katalog führte lange unter Deutsch-Neuguinea mit Hauptnummer 20 die MiNr. 8 mit Handstempel-Aufdruck „3“, wodurch aus dieser 5-Pfennig-Marke eine 3-Pfennig-Marke wurde. Fairerweise muss man sagen, dass der Michel seinen Lesern durchaus klarmachte, um was für ein obskures Stück es sich handelt: In Fettdruck hiess es bei diesem Katalog-Eintrag schon seit Jahren „Die Amtlichkeit der MiNr. 20 wird nach neuen Forschungen stark angezweifelt!“

      So neu sind diese Forschungen nun nicht: Im Zumstein Europa-Katalog 1940 (!) findet man bei Deutsch-Neuguinea den Eintrag „Nr. 8 mit Aufdruck 3 über den Wertziffern 5 wurde am 8. Febr. 1908 auf Veranlassung eines Philatelisten vom Verwalter der Postagentur Kieta hergestellt“. Eine eigene Nummer hat die Marke bei Zumstein nicht.
      Das oben zitierte Buch von Tröndle erschien 1992, und bereits 1978 heisst es im „Kleinen Lexikon der Philatelie“ zum Stichwort „Kieta-Provisorium“:
      Kieta-Provisorium, wird als Hauptnummer 20 noch immer im Michel-Katalog unter Deutsch-Neuguinea geführt, wozu keine Berechtigung besteht, da es sich um ein Machwerk reinsten Wassers handelt. In Kieta, Hauptort der zur ehem. dt. Kolonie Deutsch-Neuguinea gehörenden Insel Bougainville in der Gruppe der Salomon-Inseln, wurden am 8. 2. 1908 bereits mit dem Stempel der Postanstalt entwertete Marken zu 5 Pf in Schiffstype auf Wunsch interessierter Seite nachträglich (!) mit je einer kleinen 3 über den Wertziffern 5 überdruckt. Bedarf für dieses angebl. Provisorium hat nicht bestanden. Trotzdem finden diese ‚Marken‘, von denen nur 5 oder 6 Stück erhalten geblieben sein sollen, auf Auktionen zu ungewöhnl. hohen Preisen immer wieder und oft unerwartet neue Liebhaber.“

      Wie gesagt: Das war der Stand der Literatur bereits 1978! Und nun raten Sie doch einmal, was noch 2004 für dieses Druckstück bezahlt wurde; Sie kommen wahrscheinlich nicht darauf, es ist auch fast unglaublich: Bei einem Startpreis von € 40 000,– wurde das Stück schliesslich für € 74 000,– zugeschlagen, das heisst, mit Gebühr hat sich jemand dieses Machwerk rund € 92 000,– kosten lassen. Unglaublich, oder?

      Auch, wenn es lange gedauert hat: Die Michel-Redaktion hat inzwischen ihre eigenen seit Jahren gehegten Vorbehalte umgesetzt. Aktuell (Deutschland-Spezial 2011) wird die Marke als römische Nummer „I“ hinter Nr. 19 geführt, Nr. 20 „fällt aus“. Nochmals Merci nach Unterschleißheim!


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 3. November 2011.


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