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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Privatpost

Moresnet (Neutral-Moresnet, Kelmis)

Neutral-Moresnet
Neutral-Moresnet Neutral-Moresnet
 
Postkarte aus dem Jahr 1908
(oben Ausschnitt; links vollständig)

      Philatelistisch ist dieses Gebiet etwas dubios – neben der im Michel katalogisierten Privatpost-Ausgabe, die nicht offiziell genehmigt und nicht anerkannt wurde, gibt es noch einen reinen Phantasiedruck, der seine Existenz einem Aprilscherz verdankt.
      Wer allerdings über Philatelie Geschichte lernen will, wird in Moresnet fündig. Diese nur ca. 3,4 km² stellten während etwas mehr als 100 Jahren, von 1816 bis 1919, einen Sonderfall in der politischen Geographie Europas dar.

      Den meisten Philatelisten dürfte Moresnet unbekannt sein; während wir im Lexikon von Bungerz (1923) noch einen Eintrag zu Moresnet finden, taucht der Begriff bei Häger (1978) und Grallert (2000) nicht auf. Die spezialisierten Sammler klassischer deutscher Privatpost finden allerdings ausser der katalogmässigen Erfassung im Michel einen ausführlichen Beitrag bei Meier zu Eissen.
      Es ist auch mehr historischem als philatelistischem Interesse zuzuschreiben, dass ich Moresnet auf meiner Site erwähne. Es ist eines der Gebiete, das Sie, wenn es Ihnen zum ersten Mal begegnet, ganz automatisch zwingt, nachzulesen, sich Hintergrundinformationen dazu anzueigenen, denn sonst können Sie mit diesen zweisprachigen Marken mit der Inschrift Neutrales Gebiet von Moresnet / Territoire neutre de Moresnet, noch dazu mit der Überschrift Kelmiser Verkehrsanstalt, nicht viel anfangen.

      Moresnet (korrekt Neutral-Moresnet) ist ein „Überbleibsel“ der politischen Neuordnung Europas beim Wiener Kongress. Die Königreiche Preussen und Niederlande konnten sich über die Zuordnung dieses Landstreifens nicht einigen, und die Einrichtung eines neutralen Gebiets (unter Verwaltung eines niederländischen und eines preussischen Kommissars) war die Kompromisslösung, auf die man sich schliesslich verständigte. Nach der Gründung des Königreichs Belgien 1830/31 übernahm Belgien die früher niederländischen Aufgaben in Moresnet. Der Sonderstatus endete nach dem ersten Weltkrieg; im Versailler Vertrag wurde Belgien die uneingeschränkte Hoheit über Neutral-Moresnet zuerkannt.
 

Die Marken der Kelmiser Verkehrsanstalt

Neutral-Moresnet: Michel Nr. 7
Moresnet, 20 Pf. (MiNr. 7)

      Eine sehr rührige Gestalt in der Geschichte von Neutral-Moresnet war der aus Deutschland zugezogene Arzt Dr. Wilhelm Molly. Er sah im neutralen Status eine Chance, Neues auszuprobieren, so wollte er zum Beispiel in Moresnet Esperanto als Amtssprache einführen. Molly war auch Mit-Initiator der Ausgabe von Moresnet-Briefmarken.
      Diese waren für den Postdienst absolut überflüssig, da Moresnet für ein- und abgehende Post sowohl von der belgischen wie der preussischen Post bedient wurde; sie waren wohl eher als politische Manifestation zu verstehen, mit der die Unabhängigkeit Moresnets unterstrichen werden sollte. Als der Bürgermeister den beiden Kommissaren über diese Marken Meldung machte, wurden sie umgehend verboten, denn in Neutral-Moresnet galt das französische Recht, nach dem die Post Sache des Staates ist. (Neutral-Moresnet war damit das letzte Gebiet in Europa, in dem die unter Kaiser Napoleon eingeführten Code Civil und Code Pénal galten; da es ja keinem Staat angehörte, wurde die Rechtsordnung aus der Zeit vor dem Wiener Kongress übernommen.) Nach nur zwei Wochen war das Experiment mit eigenen Marken in Moresnet dann auch schon wieder vorbei.

      Streng genommen sind diese Marken also Phantasieprodukte, da dieser Ausgabe eine offizielle Genehmigung ebenso wie eine betriebliche Rechtfertigung fehlte.
 

Die „Aprilscherz-Marke“

      In deutschsprachigen Katalogen suchen Sie sie vergebens, diese Ausgabe aus dem Jahr 1867. Im Heimatland ihres Erfinders allerdings, in Belgien, hat sie sogar – zwar korrekt als „Fantasieausgabe“ bezeichnet, aber trotzdem – Aufnahme in den Standardkatalog gefunden (s. u.). Die Geschichte ihrer Entstehung finden Sie ausführlich auf der Website → Neutral-Moresnet, hier eine kurze Zusammenfassung:

      Der bekannte belgische Händler und Autor Jean-Baptiste Moens, in Belgien als „Père de la Philatélie“ bekannt, gab die Zeitschrift Le Timbre-Poste heraus. Ärgerlich für ihn war, dass sein Kollege Mahé in Paris in seiner Zeitschrift Le Timbrophile die Moens’schen Artikel regelmässig, ohne Quellenangabe, nachdruckte.
      In der April-Ausgabe 1867 berichtete Moens, dass ein Herr Decrack, Direktor der Post in Moresnet, ihm mitteilen liess, dass dort demnächst Marken erscheinen würden. Moens zeigte sogar eine Abbildung einer solchen Marke. Als Drucker wurde die Firma De Visch und Lirva in Brüssel angegeben, unterschrieben war der Brief von einem Herrn J.S. Neom.
      Mahé ging Moens auf den Leim und druckte den Artikel nach, wieder einmal ohne Quellenangabe – und war damit der Blamierte: „Une craque“ ist im Französischen eine Schwindelei, aus Visch (französisch „poisson“) und Lirva, rückwärts gelesen, wird der „poisson d’avril“, französisch für Aprilscherz, und J.S. Neom ergibt rückwärts gelesen – Moens!

Neutral-Moresnet: Phantasiemarke von Moens im Bogen Neutral-Moresnet: Phantasiemarke von Moens
„Aprilscherz-Marke“ von Moens

Moresnet für Philatelisten

      Ein offiziell neutrales Gebiet ist nicht leicht in einen Länderkatalog einzuordnen. Die Einordnung unter deutsche Privatpost reflektiert die deutsche Sicht, die Belgier führen Moresnet als belgisches Gebiet. Die Marken sind im deutschsprachigen Raum nicht leicht zu finden; Moresnet-Marken werden allerdings ziemlich regelmässig beim Online-Auktionshaus → Delcampe angeboten, allerdings dann zu den im Vergleich zum Michel Privatpost-Katalog deutlich höheren Preisen des COB, des vom belgischen → Händlerverband herausgegebenen Catalogue Officiel de Timbres-Poste Belgique: Der Michel Privatpost-Katalog listet in der (immer noch aktuellen) Ausgabe von 2005 den kompletten ungebrauchten Satz von acht Werten geschnitten und gezähnt mit jeweils 120,– Euro, im COB (Ausgabe 2010) sind 150,– Euro für den geschnittenen und 250,– Euro für den gezähnten Satz aufgeführt.
      Ich habe nach langem Suchen endlich einen kompletten geschnittenen Satz zu einem vernünftigen Preis gefunden. Den Moens’schen „Aprilscherz“ allerdings hatte ich schon lange vorher gekauft, als ein kompletter Bogen von 25 Marken angeboten wurde; bei dieser Marke gefällt mir ihre Entstehungsgeschichte …

Neutral-Moresnet: Komplette Markenausgabe auf zeitgenössischer Postkarte
Bis ich ausser dem oben gezeigten Paar den kompletten Satz hatte,
konnte ich Ihnen die acht Werte nur auf dieser zeitgenössischen Postkarte zeigen.
Neutral-Moresnet: Komplette Markenausgabe geschnitten, Teil 1
Neutral-Moresnet: Komplette Markenausgabe geschnitten, Teil 2
Hier der komplette Satz geschnitten.

21 Jahre später …

Besetzung Moresnets im 2. Weltkrieg
Nach der Besetzung Belgiens im 2. Weltkrieg wurde Moresnets „Heimkehr ins Großdeutsche Vaterland“ mit diesem Sonderstempel gewürdigt – heute ist es als Kelmis wieder da, wo es hingehört: in Belgien.

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 3. September 2009, letzte Bearbeitung am 10. Januar 2015.


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