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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Deutsches Reich

Brustschilde – Einführung in das Gebiet

„Mit Recht dürfen die so genannten Brustschildausgaben des erneuerten Deutschen Kaiserreichs
als letzte klassische deutsche Briefmarkenserie bezeichnet werden.“
„Das Sammelgebiet Brustschilde“
Website der ArGe Brustschilde
 
„Die frühen Ausgaben (Brustschilde) des Kaiserreichs sind sicher auch selbst noch absolute ‚Klassiker‘.“
„Was ist eine ‚klassische‘ Marke?“
Eine der ersten Seiten dieser Website (Juni 2005)

      Die „Brustschilde“ – der Begriff ist wohl jedem Sammler deutscher Briefmarken geläufig oder wenigstens schon einmal begegnet. Natürlich haben sie einen besonderen Status als erste Ausgaben des Kaiserreichs nach der Reichsgründung (18. 1. 1871: Proklamation von König Wilhelm I. von Preussen zum Deutschen Kaiser), aber diese Ausgabe bietet nicht nur unter historischen, sondern vor allem unter philatelistischen Aspekten so viel, dass manche Philatelisten den Brustschilden ein Sammlerleben widmen.

      Von welchen Marken reden wir? Eine nicht lesbare (und damit wohl urheberrechtlich unbedenkliche) grafische Zusammenstellung aus dem Michel Online-Katalog zeigt Ihnen das grundsätzliche Erscheinungsbild der 30 Hauptnummern, die das Gebiet Brustschilde umfasst (wobei zwei dieser Marken keine „Brustschilde“ zeigen); ich habe das tabellarisch um Michel-Nummern und Ausgabedaten ergänzt:


Markenabbildungen aus dem Michel Online-Katalog

      Nachdem wir das Grundsätzliche geklärt haben, kommen wir zu den spezifischen Eigenheiten der „Brustschilde“.

 
Kleiner Schild und grosser Schild

      Diese stark vergrösserten Darstellungen machen deutlich, woher die jeweiligen Schilde ihre Namen haben. Die Geschichte der beiden Brustschilde finden Sie im Detail im Michel-Plattenfehler-Handbuch und bei der → ArGe Brustschilde; in ultrakurzer Version: Das anfangs gewählte Markenbild, der kleine Brustschild, entstand nach einer Vorlage des Reichskanzlers Otto von Bismarck vom 26. 4. 1871. Am 3. 8. 1871 wurde dann von Kaiser Wilhelm die endgültige Gestaltung verfügt; die neue Ausführung des Adlers zeigt das Hohenzollern-Wappen statt des preussischen Adlers – der „grosse Brustschild“ war geboren. Der Adler wurde insgesamt dynamischer (oder aggressiver?); statt der schlaff herabhängenden Flügel waren diese jetzt gespreizt und aufwärts gerichtet. (Wenn Sie Probleme bei der Erkennung des Brustschildes haben, wenn dieser flach geprägt oder durch einen starken Stempelabschlag verdeckt wird, schauen Sie auf die Flügel; sie sind eigentlich immer abgrenzbar.) Die bereits gedruckten Marken mit dem kleinen Brustschild wurden aber nicht etwa vernichtet, sondern zunächst verbraucht – damals konnten Politiker noch mit Steuergeldern verantwortungsvoll umgehen …
      Kennt man diese Entstehungsgeschichte der kleinen und grossen Brustschilde, wird klar, warum im Kohl-Handbuch auch die Bezeichnungen vorläufige Ausgabe und endgültige Ausgabe verwendet werden.
 

      Natürlich hatte ich schon seit Jahrzehnten einige Brustschilde in meiner Sammlung, aber für eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema fehlte mir bisher die Zeit. Ende 2020 suchte ich dann ein Gebiet, dem ich mich zusätzlich zur Bearbeitung einer grossen Zahl italienischer Altbriefe, die sich bei mir angesammelt haben, gewissermassen zur „Erholung“ nebenbei widmen könnte. Irgendwie kam ich auf die Brustschilde, und mir wurde sehr schnell klar, dass das kein Gebiet zum schnellen Abhaken werden würde, sondern dass ich damit eine neue philatelistische „Grossbaustelle“ eröffnet hatte.

      Dabei fiel mir schon nach kurzer Beschäftigung mit dem Thema auf, dass ein grosser Teil der Brustschild-spezifischen Literatur aus der Arbeitsgemeinschaft Brustschilde, mit vollem Namen Arbeitsgemeinschaft Brustschilde und Nachverwendete Altdeutschland-Stempel, stammt.

      Diese ArGe hat für die Brustschild-Forschung über die Jahre enorm viel geleistet. Die logische Konsequenz war für mich ein Beitritt zu dieser Arbeitsgemeinschaft, einerseits, um ein engagiertes Team forschender Philatelisten in bescheidenem Mass zu unterstützen (der Jahresbeitrag ist sehr moderat), andererseits, ganz egoistisch, weil ich dort sicher sehr viel lernen kann.

      Schauen Sie sich einmal auf der Website um; wenn Sie Brustschilde über das Zusammentragen von je einem Exemplar der 30 Hauptnummern hinaus sammeln wollen, sind Sie dort sicher sehr gut aufgehoben!

 
Groschen und Kreuzer / Mischfrankaturen

      Zwei verschiedene Währungssysteme innerhalb einer Markenausgabe – das kennen Altdeutschland-Sammler aus dem Gebiet Thurn & Taxis. War die Währung im Kaiserreich aber nicht eigentlich einheitlich?
      Um einen alten Kalauer zu zitieren: Im Prinzip ja. Die Reichs-Goldwährung (1 Mark zu 100 Pfennig, wobei die Mark 0,358423 Gramm Feingold entsprach) wurde allerdings erst zum 1. Januar 1876 eingeführt. Trotz der grosszügig bemessenen Vorlaufzeit dauerte es aber noch sehr lange, bis die Umstellung abgeschlossen war; noch 1887 wurden Vergleichstabellen zur Umrechnung zwischen alter und neuer Währung veröffentlicht.

      Die Brustschildmarken, die ja bereits 1872 erschienen, wurden deshalb in Groschen für die norddeutschen Landesteile (Norddeutscher Postbezirk), in Kreuzer für die südlichen Grossherzogtümer Baden und Hessen und die Reichslande Elsass und Lothringen herausgegeben. Die Königreiche Bayern und Württemberg behielten postalisch ihre Selbstständigkeit und gehörten nicht zum Reichs-Postgebiet. Mischfrankaturen zwischen Brustschilden in Groschen- und Kreuzerwährung waren möglich (1), ebenso zwischen Brustschildmarken und Ausgaben von Württemberg und Bayern (selten).
      Die Brustschilde waren mehrheitlich bis zum 31. 12. 1874 gültig. Ausnahmen sind die höheren Groschen-Werte (½, 1, 2, 2½ und 5 Groschen), die bis zum 31. 12. 1875 verwendet werden durften. Diese Wertstufen können daher auch in Mischfrankatur mit Marken der nachfolgenden Ausgabe „Pfennige“ (MiNr. 31–36) vorkommen.

      Ungewöhnlich, aber durchaus reizvoll ist die Berücksichtigung von Ganzsachen. Diese können in Ihrer Brustschild-Sammlung einen eigenen Abschnitt darstellen, Sie können nach Verwendungen von Ganzsachenausschnitten als Frankatur suchen (dies war im Deutschen Reich bis 1879 erlaubt) oder die Sammlung mit einer Ganzsache mit Zusatzfrankatur auflockern.

 
Warum „Reichs-Post“ und nicht „Deutsches Reich“?

      Wie oben erwähnt, behielten Bayern und Württemberg auch nach der Reichsgründung ihre Posthoheit. Das Reichs-Postgebiet war somit nicht mit dem Reichsgebiet identisch.
      Die Bezeichnung „Reichs-Post“ (ab MiNr. 45, Ausgabe „Krone/Adler“, ohne Bindestrich in einem Wort geschrieben) blieb noch lange erhalten. Erst mit der zweiten Germania-Ausgabe (ab MiNr. 68, 1. April 1902) wurde die Inschrift „Deutsches Reich“ eingeführt.

 
Spezielle Aspekte der Brustschildmarken

      Es gibt einige Besonderheiten der Brustschilde, die eine Sammlung zu diesem Thema zu einer annähernd unendlichen Geschichte machen. Ich bemühe mich derzeit darum, zu jedem der genannten Punkte mindestens ein Belegstück für meine Sammlung zu finden; wie erfolgreich ich dabei bin, können Sie an der (hoffentlich) wachsenden Zahl von Seiten zum Thema sehen.

Varianten der Zähnung, grosse und kleine Marken
      Nicht weniger als acht Seiten widmet das Plattenfehler-Handbuch den Zähnungsvarianten der Brustschilde. Grosse und kleine Marken mit einer entsprechend veränderten Zahl von Zähnungslöchern, raue Zähnung (vor allem bei den kleinen Schilden), versetzte Zähnungen und fehlende Zähnungslöcher sind Varianten, die Sie dokumentieren können. Auch ungezähnte Brustschilde gibt es, bei insgesamt etwa 50 bekannten Exemplaren brauchen Sie allerdings viel Geduld und ein grosszügiges Hobby-Budget, wenn Sie eine solche Marke in Ihre Sammlung aufnehmen wollen.

Versetzte Prägung, Doppelprägung, Schraubenkopfabdrucke
      Ich habe hier Varianten aufgeführt, die alle das Prägefeld (2) betreffen, die aber ursächlich nicht miteinander verknüpft sind. Details dazu finden Sie auf den entsprechenden Seiten.

Plattenfehler
      Ihre Existenz wurde lange bezweifelt (3), aber seit der ersten Auflage des Plattenfehler-Handbuchs 1983 sind sie in stetig wachsender Zahl dokumentiert. Die aktuelle Auflage des Handbuchs beschreibt allein für die 1-Groschen-Marken (MiNr. 4 und 19) 101 Plattenfehler! Das Handbuch ist für Variantenjäger absolut unverzichtbar.

Plattenkennzeichen
      Gehen wir über die Grenze der einzelnen Marke hinaus, kommen wir zu den Bogenranddrucken. Bei den Brustschilden sind es Buchstaben, Zahlen, Kreuze und Dolche, die eine bestimmte Platte kennzeichnen, dazu gibt es die von anderen Ausgaben bekannten Anlegepunkte. (Was es jedoch nicht gibt, sind Reihenzähler.)

 
Stempel

      Aus gutem Grund heisst die oben empfohlene Arbeitsgemeinschaft „Brustschilde und Nachverwendete Altdeutschland-Stempel“. Einen Eindruck davon, worum es dabei geht, vermittelt Ihnen ein „→ Bilderbogen“ auf der Website der ArGe. Für die Stempel gilt dasselbe wie für die Marken: Je tiefer Sie in die Materie einsteigen, desto spannender wird das Thema. Gute Literatur ist unerlässlich, vor allem das Buch von Feuser ist Pflichtlektüre.

 
Wie soll man Brustschilde sammeln? ★★/★, ☉, ✉?

      Auch dieses Thema habe ich bereits auf einer der Seiten diskutiert, mit denen diese Site 2005 erstmals ins Netz ging. Gerade bei den Brustschilden haben alle Erhaltungen ihren eigenen Reiz:

★★/★

Die Brustschilde sind ästhetisch schöne Marken. Der zentrale Prägedruck in seinem weissen Feld, der durch keinen Stempel verdeckt wird, ist einfach ein optischer Genuss. Ganz praktisch: Plattenfehler sind auf ungebrauchten Marken wesentlich besser erkennbar.
Dass ich nicht auf „absolut postfrisch“ fixiert bin, habe ich ebenfalls schon vor vielen Jahren beschrieben und begründet.
MiNr. 22 ★, Oberrand-Viererblock
Bogenfelder 1 - 2 - 11 - 12
Die Marke auf Feld 1 zeigt Plattenfehler VII (Kerbe im Innenkreis über dem „O“ von „Groschen“):
 

Die Abstempelung zeigt den bestimmungsgemässen Gebrauch der Marke – nicht als Sammlerstück, sondern als Gebührenquittung. Achten Sie beim Aufbau Ihrer Sammlung auf möglichst zentrische und lesbare Stempelabschläge.
MiNr. 4 ☉, Viererblock
Stempel Schweidnitz / 26.6.72 / 5-6N
Aus dem Fotoattest Hennies:
„Viererblocks in dieser guten Erhaltung sind selten.“


Der ganze Brief ist nicht nur eine Augenweide, sondern Voraussetzung zur korrekten postgeschichtlichen Einordnung. Grössere (Rahmen- und Kasten-)Stempel sind nur auf Briefen vollständig erkennbar.
MiNr. 16 ✉
Portogerechte Einzelfrankatur mit dem ermässigten Ortsporto im ehemaligen Thurn-und-Taxis’schen Postgebiet im Fürstentum Reuss. Dreizeiliger Rahmenstempel (Ra3) GERA / FÜRSTENTUM REUSS J.L. / 20 11 73 10-11V

      Die Marken mit den jeweils höchsten Katalognotierungen sind alle kleinen Schilde ungebraucht, bei den grossen Schilden die MiNr. 21 und 27 ungebraucht. Gestempelt sind alle kleinen Schilde auch für den „Normalsammler“ erreichbar; bei den grossen Schilden erreichen (ohne Berücksichtigung von Farbvarianten) nur die MiNr. 24 und 28 vierstellige Notierungen.

 
Atteste

      Sehr ernst sollten Sie den Hinweis im Michel Deutschland-Spezial nehmen, ungebrauchte kleine Brustschilde nur mit einem Attest eines Verbandsprüfers zu erwerben. Insgesamt sind sicher 70–80 % meiner Brustschilde (klein und gross) attestiert – ich verstehe zu wenig von der Sache, um mir selbst eine Beurteilung zuzutrauen, und in dieser Situation sorgt das Fotoattest dann für die nötige innere Ruhe beim Kauf.

„Register“, die in Attesten erwähnt werden


 


        In Fotoattesten von deutschen Verbandsprüfern finden Sie bei Doppelprägungen (Beispiel links, Ausschnittvergrösserung oben) sowie Erst- und Letzttagsstempeln der Brustschilde häufig den Hinweis, dass die betreffende Marke als Nr. xxx im entsprechenden Register erfasst ist.
      Da mir, ausser eben in Attesten, diese Register noch nie und nirgends begegnet sind, habe ich bei Herrn Jäschke-Lantelme einmal angefragt, ob sie irgendwo öffentlich zugänglich sind. Die (übrigens ausserordentlich schnelle – merci dafür!) Antwort war, dass sie nicht öffentlich sind. Damit kann man aber als Brustschild-Sammler leben.

 


      Soweit die kurze Einführung in ein ebenso spannendes wie abwechslungsreiches Gebiet der klassischen deutschen Philatelie.
      „Alten Hasen“ habe ich hier sicher nichts Neues vermittelt, aber wenn Sie beabsichtigen, sich diesem Gebiet ernsthaft und intensiver zu widmen, wissen Sie jetzt ungefähr, was Sie erwartet …


Fussnoten:

  1. Es galt der Umrechnungssatz 2 Groschen ≙ 7 Kreuzer.
  2. Nach Köjer/Krug der nicht bedruckte Kreis in der Mitte der Marke, in dem sich der im Prägedruck ausgeführte Adler mit dem Brustschild befindet.
  3. Noch in der 11. Auflage des Kohl-Handbuchs heisst es zu den kleinen Brustschilden „Wirkliche Plattenfehler haben wir weder bei dieser noch bei der endgültigen Ausgabe finden können.“

Literatur:


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Copyright © 2021 und verantwortlich für den Inhalt:

Erste Veröffentlichung am 5. März 2021, letzte Bearbeitung am 24. April 2021.


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