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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Montenegro

Herr Bickel und Frau Berger

      In der Montenegro-Philatelie begegnen Sie früher oder später dem Namen Otto Bickel und dem seiner Ehefrau Leonie Berger. (Da Frau Berger nach der Eheschliessung ihre eigene Geschäftstätigkeit unter ihrem Mädchennamen weiterführte, wollen wir das hier auch so halten.) Die nach meiner Kenntnis beste und umfassendste Biographie des Paares und Beschreibung seiner Geschäftstätigkeiten finden Sie in einem 2006 erschienenen zweiteiligen Artikel von Christian Hörter in der Philatelie, der Zeitschrift des BDPh.

      Herr Bickel, über dessen erste ca. 30 Lebensjahre wenig bekannt ist, kümmerte sich zunächst um eine Ankurbelung des Briefmarkengeschäfts von San Marino. Ein kleines Land, das von 1877 bis 1892 mit gerade einmal sieben Briefmarken ausgekommen war, hatte Potenzial! Bickel eröffnete dort 1891 eine Firma und begleitete diese mit der Gründung einer eigenen Zeitschrift, des San-Marino-Philatelist. Er begann, das bisher nicht im Mittelpunkt des Sammlerinteresses stehende Gebiet aggressiv zu bewerben, wobei er  – das muss man neidlos anerkennen – sehr geschickt vorging. (Details dazu finden Sie bei Hörter.) Als, wahrscheinlich nicht zuletzt durch seine umfasssende Korrespondenz in alle Welt, in San Marino bestimmte Markenwerte knapp wurden, konnte man dem akuten Mangel nur durch eine Überdruckausgabe begegnen. Damit wurde eine „Rarität“ geschaffen, die Herr Bickel in grossen Stückzahlen am Postschalter erwarb und mit substanziellem Aufschlag auf den Nennwert an seine weltweite Kundschaft verkaufte. Nach der Aufdruckausgabe folgte wenig später eine komplett neue Ausgabe aller Werte.
      In der seriösen philatelistischen Fachpresse wurde dieses Geschäftsgebaren wenig begeistert zur Kenntnis genommen. Beispiele dafür finden Sie bei Hörter, einige habe ich in meiner Bibliothek entdeckt:

Oben:
The Philatelic Record, Mai 1894
Unten:
The Philatelic Record, Oktober 1894
 

      Das in dem unteren Beitrag erwähnte Schreiben von Herrn Bickel an die Timbre-Poste war die Reaktion auf einen Artikel, in dem sich dieses renommierte französische Journal ebenfalls eher kritisch über die Ausgabepolitik von San Marino geäussert hatte. Es führte dann seinerseits zu einem grösseren Artikel des Herausgebers, Emilio Diena. Dieser wies darauf hin, dass er Herrn Bickel niemals persönlich genannt oder angegriffen habe, aber vom Direktor der Post die Information bekommen hatte, dass die Aufdruckausgaben kurz nach der Verfügbarkeit am Schalter in grossem Stil von Spekulanten aufgekauft worden waren.
Qui s’excuse s’accuse …

      Die San-Marino-Geschichte gehört aber nicht zu unserem eigentlichen Thema; schauen wir also, was sich das Bickel/Berger-Team in Montenegro einfallen liess, um die Philatelie (und das eigene Bankkonto) voranzubringen.
      1893 zogen die Bickel-Bergers nach Cetinje, wo Frau Berger ein Geschäft eröffnete („Zigaretten und Briefmarken“). Herr Bickel betrieb weiterhin von Montenegro aus sein Geschäft in San Marino, knüpfte aber schnell lokale Kontakte. Überdruckausgaben hatten sich ja schon in San Marino bewährt, also brauchte Montenegro jetzt so etwas. Ein vielleicht etwas weit hergeholter Anlass, die Einführung des Buchdrucks in Montenegro vor 400 Jahren, war Grund genug, das gesamte Angebot der montenegrinischen Post, bestehend aus sieben Briefmarken, vier Postkarten und drei Umschlägen, mit einem entsprechenden Überdruck zu versehen.

Korrespondenz unter Händlern:
 
Oben:
Komplettes Streifband von Frau Berger an den bekannten Briefmarkenhändler David Cohn in Berlin.

 
Unten:
Brief an Hugo Michel, der seit 1892 in Apolda einen Briefmarkenhandel betrieb. (Der erste Katalog von Michel erschien erst 1909.)

      Im Gegensatz zu dem sehr erfolgreichen San-Marino-Geschäft gelang es den Bickel-Bergers in Montenegro nicht, sich ein Monopol zu sichern und die Konkurrenz von diesen Ausgaben fernzuhalten. Die Post spielte auch nicht mit; hatte Frau Berger anfänglich diese „seltene Sonderausgabe“ noch damit beworben, dass die Gültigkeitsdauer nur vier Tage betragen habe, druckte die Post sie vier Jahre lang! Bei der Abgabe mit Gefälligkeitsstempel zum halben Nominalwert war das für die Post kein schlechtes Geschäft, beim Verkauf zum doppelten bis dreifachen Nennwert für die Händler auch nicht. Die fast nicht mehr überschaubare Zahl von Drucken auf verschiedenen Auflagen der Urmarken und mit unterschiedlichen Zähnungen sowie insbesondere die zahlreichen „Abarten“ machen diese Ausgabe zwar nicht philatelistisch wertvoller, aber interessant.
      Seriöse Ausgabepolitik einer staatlichen Postverwaltung sieht anders aus; auch die Einführung von Kartenbriefen und Portomarken (in Montenegro mit gut 200 000 Einwohnern um 1880 für ein funktionierendes Gemeinwesen unverzichtbar) geht wohl auf Herrn Bickel zurück. Es ist nicht verwunderlich, dass alle Artikel über die Bickel/Berger-Zeit in Montenegro einen leicht sarkastischen Unterton haben.

Links:
Le Timbre-Poste, Juli 1898
 
Oben:
The Philatelic Record, 1895

      Ob in Montenegro wirklich ein Bedarf für Portomarken, dazu noch in gleich acht verschiedenen Wertstufen, bestand, darf bezweifelt werden. Die Marken gibt es in drei Zähnungen; im Michel sind die Linienzähnungen 10½ und 11½ als A-Nummern, die Marken in L 11 mit B-Nummern bezeichnet.

Portomarken MiNr. 1–8

      Man findet auf diesen Marken mehrheitlich Gefälligkeitsstempel; echt gelaufen, idealerweise auf Brief, sind sie sehr selten.

      Nachdem die Geschäfte in Montenegro nicht so gut liefen wie vorher in San Marino, verliessen die Bickel-Bergers das Land 1895 wieder. Die weitere Geschichte finden Sie bei Hörter: Es folgten ständige Umzüge, wobei sich München als Lebensmittelpunkt herauskristallisierte. Es gab aber auch einen mehrjährigen Abstecher nach Berlin (siehe Abb.), dazu kam eine rege Reisetätigkeit, so dass Herr Bickel seine Geschäfte auch schon einmal monatelang von Kreta aus führte.
 
Links: The Montreal Philatelist, Juni 1901

      Dem Briefmarkenhandel blieb Otto Bickel Zeit seines Lebens treu, trotz gelegentlicher Ausflüge in andere Geschäftsbereiche, wobei er weiterhin bestehende Kontakte in San Marino und Montenegro nutzte.
      In seinem Wirken in diesen Ländern erkennt man noch am ehesten Parallelen zu den Geschäften des in der Südamerika-Philatelie bekannten → Herrn Seebeck: In Zeiten, in denen noch „Die ganze Welt“ gesammelt wurde, suchte man sich kleine Länder mit wenig Postverkehr und schuf mit ständig neuen (Seebeck) oder postalisch unnötigen Ausgaben (Bickel) Einnahmequellen. Gewisse Parallelen zu gewissen aktuellen Postgebieten sind unverkennbar – man muss nur Sammler finden, denen man das verkaufen kann.


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 17. April 2022, letzte Bearbeitung am 17. April 2022.


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