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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Gedanken zum Jahreswechsel 2005/2006

Quo vadis, Philatelie?

      Eine Bemerkung vorab: Alles, was ich auf dieser Seite schreibe, ist völlig subjektiv, aber wenn man schon eine Website betreibt, darf man sich, neben den aufwändigen Literatur-Recherchen und dem Einscannen und Bearbeiten von Hunderten von Bildern, einmal im Jahr auch ein wenig „austoben“, und so wird mit dieser Seite eine Tradition (wie ich hoffe) begonnen: Jeweils zum Jahreswechsel werde ich einmal „frei von der Leber weg“ über ein beliebiges philatelistisches Thema plaudern, ohne Literaturzitate und, da es hier einmal nicht um Fakten, sondern um meine Meinung geht, ohne Anspruch auf inhaltliche Richtigkeit.

      Als Überschrift für diese Seite gingen mir Begriffe wie „Leitartikel“ oder, neudeutsch, „Editorial“ durch den Kopf, die ich aber als zu hochtrabend wieder verworfen habe – „Gedanken zum Jahreswechsel“ schien mir die passendste Bezeichnung. Genug der Vorrede, kommen wir zum Thema.


      Wir Freunde der klassischen Markenausgaben können den Postverwaltungen vieler Länder wirklich dankbar sein: Der miserable Service, die an Raubrittertum erinnernde Ausgabepolitik und die zunehmend schlechtere Qualität der Ware (sprich: der Marken) treibt die Sammler reihenweise zur Klassik.
      2005 hat uns doch wieder richtig glücklich gemacht:

      Unsere geliebte Schweizer Post hat ihre Markenherstellung vor einiger Zeit „outgesourct“, wie es in Managerkreisen so schön heisst. Vorbei die Zeiten von Courvoisier S. A. und Wertzeichendruckerei PTT, die einst wirklich Massstäbe setzten; heute gilt, dass Geiz geil ist, und da sucht man sich halt den billigsten Anbieter. Das Resultat: Noch nie gab es so viele Fehler bei der Markenherstellung. Die Post macht natürlich das (für sie) Beste daraus und verkauft einer interessierten Sammlerschaft diese schlicht fehlerhaften Produkte separat (suchen Sie auf post.ch im PhilaShop nach „Cartor“).

      Die interessierte Sammlerschaft allerdings ist zunehmend weniger interessiert, weil sie keine Lust mehr hat, die Melkkuh zu spielen. Hat das jemand in den Vorstandsetagen europäischer Postverwaltungen eigentlich schon begriffen (oder wenigstens überhaupt gemerkt)? Kaum, oder wie sonst soll man sich erklären, was im Jahr 2005 in Liechtenstein passiert ist: Das „Amt für Briefmarkengestaltung“ (ABG) und die „Postwertzeichenstelle“ (PWZ) werden beide in die Post AG eingegliedert. So weit, so gut. Ein spezielles Gremium, hiess es bei Bekanntgabe dieser Nachricht, solle die Qualität der Marken überwachen. So weit sogar noch besser. Prompt hiess es aber in einer Stellungnahme dazu, da die Übernahme von ABG und PWZ für die Post attraktiv sein soll, dürfe der Staat mit dem Stellen von Bedingungen nicht zu weit gehen. Man kann nur darüber spekulieren, wie das jetzt wohl gemeint war …

      Ein mir bekannter Sammler in Deutschland hat sein Neuheiten-Abonnement bei unserer geliebten Schweizer Post gekündigt und ihr in einem netten Brief mitgeteilt, was er von einer Ausgabepolitik hält, die an die arabischen Emirate erinnert (Zitat). Er wird wohl nicht der Letzte sein …

      Wann endlich merken Postverwaltungen, dass mit Holz- (Schweiz) und Kristall-Marken (Österreich) keine engagierten Sammler mehr zu gewinnen sind? (Vielleicht ja mit Meteoritenstaub auf der Marke? Das ist kein Witz – Österreich bringt so etwas fertig; dieses Meisterwerk kommt vermutlich am 20. 1. 2006 an die Schalter (1). Philatelie? Kommentar überflüssig …) Dazu kommt, dass man den Sammlern, die es noch gibt, den Spass am Hobby auch sonst nach Kräften verdirbt:
      Unsere geliebte Schweizer Post liefert Neuheiten nur noch einmal im Jahr aus – wer sie am Erscheinungstag haben möchte, darf dafür extra bezahlen („in gewissen Fällen eine besondere Gebühr“). Na, das ist doch Service, oder? Wie intensiv fühlt sich wohl jemand einem Hobby zugetan, das er noch genau ein Mal im Jahr aktiv ausübt? (Zwischendurch darf er dann noch die in Frankreich produzierte Makulatur bestellen, s. o.)
      Die Deutsche Post AG hat eine noch effizientere Methode entdeckt, bei den Sammlern mal so richtig „hinzulangen“: „Die Post verkauft nur in kompletten Sets, auch im Rahmen des Abonnements“ berichtet der Briefmarkenspiegel über eine neue Sondermarke im Nennwert von immerhin € 1,45 – „im Set“ bedeutet 10 Exemplare, also € 14,50!
      Im selben Artikel (2) heisst es „Stabile oder gar zurückgehende Preise für ältere Ausgaben eröffnen dem Sammler die Möglichkeit, Lücken in der Sammlung zu schließen, soweit er dazu neben den unverändert hohen Aufwendungen für Neuheiten genügend Luft hat.“ Da mag so mancher Sammler auf die Idee kommen, dass das Jahr 2000 oder die Euro-Einführung eigentlich schöne „Landmarken“ für eine Zäsur darstellen, um eine moderne Sammlung an dieser Stelle zu beenden und lieber nach hinten zu komplettieren (Fälle sind dem Verfasser bekannt …).

      Was bedeutet diese Entwicklung für die Philatelie? Für die wirkliche Philatelie wenig, denn Philatelisten wird es immer geben, auch, wenn die Briefmarke (mindestens die klassische „nassklebende“) in zehn oder zwanzig Jahren endgültig verschwunden ist. Es gibt schliesslich auch heute Leute, die römische Münzen sammeln. Die Sammler aber, die, eher nebenbei, doch wenigstens noch die aktuellen Ausgaben ihres Heimatlandes bezogen haben, werden zunehmend verschwinden, weil sie keine Lust mehr haben, sich ausnehmen zu lassen.

      Moderne Sammlungen sind heute schon kaum mehr verkäuflich; eine postfrische Bundesrepublik-Sammlung ab, sagen wir einmal, 1970 bekommen Sie heute bei jeder kleinen Auktion für sehr wenig Geld. Die wirklich engagierten Philatelisten wenden sich zunehmend den älteren Ausgaben zu; das muss nicht die Klassik sein, aber im Gebiet Schweiz ist es z. B. wesentlich reizvoller, Zusammendrucke der frühen Ausgaben zu sammeln, als der letzten Fehlzähnung der Firma Cartor hinterherzulaufen.

      Schade für unser Hobby, das einmal fast schon den Charakter einer Massenbewegung hatte. Die Jugend lockt man mit den heute üblichen Spielchen der Postverwaltungen auf Messen und Börsen ohnehin nicht von der Playstation oder dem PC weg, da wäre es lohnender, auf die (wenigen) Jugendlichen zu setzen, die bereit sind, in ein Hobby auch intellektuell etwas zu investieren, und ihnen von Anfang an „richtige“ Philatelie beizubringen. Wer mit dreizehn gelernt hat, dass Marken mit Wellenstempel nicht ins Album gehören, wenn man sie mit Rundstempel bekommen kann, und wer mit sechzehn weiss, was Stichtiefdruck ist, wird wahrscheinlich auch mit vierzig noch der Philatelie treu bleiben.
      In spätestens einer Generation – diese Prognose wage ich; erinnern Sie mich in dreissig Jahren daran – interessiert sich kein Mensch mehr für die sogenannte „Philatelie“ des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Einen kleinen Kreis von Philatelisten wird es noch geben, und der wird sich mehrheitlich den Marken von 1850 bis 1950 zuwenden, der Zeit also, als Briefmarken noch Gebührenquittungen für von der Post erbrachte Leistungen und nicht künstlich hergestellte „Sammelobjekte“ waren, von der Versandstelle mit Stempel (aber bitte perfektem Gummi!) direkt auf das Vordruckblatt.
      Gewisse Verhaltensmuster gewisser Postverwaltungen könnten diesen Trend sogar noch beschleunigen …


Fussnoten:

  1. Erscheinungsdatum gemäss DBZ/SE Heft 25/2005, S. 36; in Frage gestellt im Briefmarkenspiegel Heft 1/2006, S. 17–18
  2. Op. cit., S. 32

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Erste Veröffentlichung am 27. Dezember 2005, letzte Bearbeitung am 27. Dezember 2005.


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