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Altdeutschland – Bergedorf
Der „Moens’sche Korrekturabzug“

sog. „Moens’scher Korrekturabzug“
„Es ist eine Inkunabel der deutschen Philatelie.“
E. Müller-Mark

 

      Nein, Herr Müller-Mark, das ist dieses Stück leider nicht. Natürlich gehört es, trotz oder gerade wegen seines etwas eigenartigen Charakters, in eine grosse Bergedorf-Sammlung, und natürlich lesen die Besitzer dieses Stücks, von dem es angeblich einmal 50 Exemplare gab, es gerne, wenn Müller-Mark [1966] dazu noch schreibt „Als Noch-Weltbestand geistern auf den Auktionen etwa 20 herum“.
      Was aber ist dieses eigenartige Paar nun eigentlich? Ich habe als Überschrift zu dieser Seite ganz bewusst den früher einmal üblichen Begriff Moens’scher Korrekturabzug gewählt, weil diese vage Bezeichnung das Dilemma zeigt, in dem die Philatelie lange steckte, wenn es um dieses seltsame Pärchen ging.

      Falls Sie sich bisher noch nie eingehender mit dem Gebiet Bergedorf beschäftigt haben, fragen Sie sich vielleicht, was an diesem waagerechten Paar der MiNr. 3 von Bergedorf so besonders, ungewöhnlich und selten ist. Schauen Sie sich das Markenbild noch einmal genau an, auf den ersten Blick fällt das vielleicht gar nicht auf:

sog. „Moens’scher Korrekturabzug“
1½ Schillinge + 1½ Schilling

      Die amtlich verausgabte Marke, also die MiNr. 3, trug die Inschrift „Schilling“, alle Neudrucke des 1½-Schilling-Wertes dagegen zeigen die Inschrift „Schillinge“.
      Was ist von einem solchen Stück zu halten? Müller-Mark [1945] weist darauf hin, dass ein solches Paar im Reichspostmuseum gleichzeitig mit den Bezeichnungen „Original“, „Probedruck“ und „Neudruck“ ausgestellt war; selbst die Experten dieser angesehenen Institution hatten also ihre Probleme mit dem Schillinge/Schilling-Paar.

      Vielleicht wäre alles viel einfacher gewesen, wenn nicht ausgerechnet der belgische Briefmarkenhändler Moens diese Stücke „gefunden“ hätte. Neudrucke waren eines seiner grossen Hobbys, und seine Aktivitäten im Bereich Bergedorf sind bekannt …
      Doberer [1970] schreibt dazu: „Wenn wir das Leben von Moens studieren, dann finden wir, dass es ihn immer wieder reizte, Originalmarken, die von einer staatlichen Post herausgegeben waren, mit Hilfe des originalen Druckmaterials später als Neudrucke herzustellen.“
      Mehr über das Leben und Werk von Moens finden Sie auf der Seite „Jean-Baptiste Moens – Père de la Philatélie“.

      Kommen wir wieder zurück zu unserem Schillinge/Schilling-Paar. Moens hatte im Juni 1868 den gesamten Restbestand von ca. 300 000 Marken (die ja seit dem 1. Januar nicht mehr frankaturgültig waren) und den Originalstein von 1861 vom Bergedorfer Postmeister Paalzow für die geringe Summe von 266 preussischen Talern und 20 Silbergroschen erworben.

      Nun muss man wissen, dass der Urstein des „1½“-Wertes die Inschrift „Schillinge“ hatte, die bei den später dann zum Druck verwendeten Umdrucksteinen in „Schilling“ geändert wurde. (Eine ähnliche Änderung gab es beim „dritten Punkt“ des 2½-Schilling-Wertes von Lübeck.) Mit dem Urstein konnte man also auch 1½-Schillinge-Marken herstellen!

      Moens hat, viel später, behauptet, in diesem Material die genannten ca. 50 Exemplare der 1½-Schillinge-Marken gefunden zu haben, „einzeln oder mit einer 1½ Schilling zusammenhängend“. Eigenartig ist aber, dass sie in seinem Katalog aus dem Jahr 1869 noch nicht auftauchen, 1871 bietet er sie plötzlich an! Man kommt ins Grübeln …
      „Fest steht, dass diese Drucke erst 1869/70 entstanden sein können.“ (Grobe)

      Diese „Inkunabel der deutschen Philatelie“ liess Moens, sehr geschickt, auf Originalpapier drucken, nämlich auf den sehr breiten Bogenrändern der 1½-Schilling-Marken, von denen er ja grosse Bestände übernommen hatte. Das ominöse Pärchen zeigt im Bild die Charakteristika der frühen Neudrucke, so dass wir den Moens’schen Korrekturabzug heute korrekterweise allenfalls noch als „Moens’sches Druckexperiment“ bezeichnen sollten.
 


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 5. August 2007.


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