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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Belgien

Einleitung zu den klassischen Ausgaben

„Il n’y a pas de Belges“ (Es gibt keine Belgier)

      Woran, liebe Leserinnen und Leser, denken Sie, wenn Sie an Belgien denken? Die EU? Schokolade? Hercule Poirot?
      Das ist alles nicht falsch, aber es ist sicher nicht die ganze Wahrheit: Der Staat Belgien ist ein sehr komplexes und für einen Aussenstehenden teilweise nur schwer zu verstehendes Gebilde. Dieses gelegentlich als „Kunstprodukt“ bezeichnete Land (1) hat es auch in nun mehr als 180 Jahren nicht geschafft, eine einheitliche nationale Identität unter der Mehrheit seiner Bürger herzustellen. Der immer wieder genannte Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen, der dem Rest Europas (und vor allem uns hier in der dreisprachigen Schweiz) grenzwertig absurd erscheint, ist aber nur vordergründiger Ausdruck tief sitzender Ressentiments der beiden Bevölkerungsgruppen gegeneinander. Diese wiederum haben ihre Ursache in der Geschichte der Entstehung des Staates Belgien und seiner Entwicklung.

      In der belgischen Geschichte gab es Epochen, in denen es jeweils nur eine dominierende Sprache gab. Bertrand beginnt sein Mémorial Philatélique aus gutem Grund mit einem Kapitel Le Bilinguisme; dort heisst es „Cette opposition de langues est très ancienne“ (Dieser Sprachenstreit ist sehr alt).
      Unter holländischer Regentschaft war Flämisch die Amtssprache. Nach der Gründung des Königreichs wechselte dies zu Französisch (was wiederum die Flamen erboste, die sich sprachlich nicht mehr repräsentiert sahen). Dies erklärt, warum die ersten Briefmarken Belgiens ausschliesslich französische Inschriften zeigen. Erst 1891 erschien die erste Marke mit zweisprachiger Inschrift, und diese Zweisprachigkeit wurde bis heute beibehalten. Hat sie zur Integration beigetragen?

      Das eingangs genannte Zitat stammt aus einem offenen Brief an den König, den der Politiker Jules Destrée 1912 verfasste (2). Der berühmte Satz lautet „Sire […], Vous régnez sur deux peuples. Il y a en Belgique, des Wallons et des Flamands; il n’y a pas de Belges.“ (Sire, Sie regieren zwei Völker. Es gibt in Belgien Wallonen und Flamen. Es gibt keine Belgier.) 100 Jahre später hat sich das nicht wesentlich geändert: Mit der Bildung der derzeitigen Regierung am 5. Dezember 2011 endete eine 540 Tage währende Periode, in der das Land faktisch keine Regierung hatte, weil Flamen und Wallonen einfach nicht zueinander fanden – ein in der neueren Geschichte einmaliges Vorkommen.

      Lassen wir aber auf dieser Site einmal die aktuelle politische Lage beiseite und gehen wir stattdessen zurück in das frühe 19. Jahrhundert; die belgische Geschichte können Sie im Detail an anderer Stelle nachlesen (3). Der junge Staat war durchaus modern, was sich nicht nur in seiner Verfassung widerspiegelte, sondern auch in der sehr frühen Übernahme der damals modernsten Idee im Postwesen, der Briefmarke. Schon am 1. 7. 1849 erschienen die ersten belgischen Briefmarken.

      Die in allen Ländersektionen dieser Website übliche Frage, wie weit wir den Begriff „Klassik“ in diesem Gebiet definieren wollen, ist bei Belgien nicht ganz einfach zu beantworten. Bei der Beschränkung auf geschnittene Ausgaben wäre das Sammelgebiet doch etwas sehr überschaubar – es würde sich auf die ersten vier Ausgaben zwischen 1849 und 1861 (MiNr. 1–9) beschränken. Rechnen wir alle Ausgaben unter König Leopold I. zur Klassik? Das klingt plausibler: Wir kommen bei dieser Sichtweise bis zu der philatelistisch interessanten Ausgabe von 1865/1867 (Brüsseler und Londoner Drucke; MiNr. 14–18). Würden wir noch weiter gehen und auch noch die Ausgaben unter Leopold II. einbeziehen, würde das Sammelgebiet sehr (zu) umfassend und würde bis zum Jahr 1909 reichen.

      In ihrer sehr lesenswerten → Einführung in das Sammelgebiet Belgien zieht die → ArGe Belgien-Luxemburg im BDPh die Grenze etwas enger: Epauletten (MiNr. 1–2) und Medaillons (MiNr. 3–13) gelten als klassisch, die Ausgaben ab 1865 (MiNr. 14) werden zur belgischen Semiklassik gerechnet. Diese Sichtweise hat eine lange Tradition; schon im Catalogue Willy Balasse wird die époque ancienne in die période classique (1849–1864) und die période moyenne (1865–1913) unterteilt.
      Ich bleibe für mich trotzdem dabei, die Grenze bei der Regierungszeit eines Königs zu ziehen, aber das ist ja das Schöne an der Philatelie: Jeder soll sammeln, was und wie es ihm gefällt …


Fussnoten:

  1. Lesen Sie dazu bitte die Artikel „→ Ein Nationalstaat zerfällt – das Ende von Belgien“ (FAZ, 14. 12. 2007) und „→ Belgiens Politikkrise – sprachlos in Brüssel“ (Spiegel Online, 13. 7. 2011).
  2. Siehe dazu den Eintrag zu → Jules Destrée in der französischen Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
  3. Siehe dazu → Belgien – Geschichte und Politik bei planet-wissen.de und → Geschichte Belgiens in der deutschen Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

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Erste Veröffentlichung am 12. Januar 2013, letzte Bearbeitung am 12. Januar 2013.


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