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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Gedanken zum Jahreswechsel 2020/2021

Betrachtungen zu Katalogen

Tout le malheur des hommes vient d’une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos, dans une chambre.
(Alles Unglück der Menschen kommt von einer einzigen Ursache, dass sie nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu sitzen.)

Blaise Pascal
Pensées VIII, 139

      Mehr als diesen Satz werden Sie von mir zum alles bestimmenden Thema des Jahres 2020, der Covid-19-Pandemie, nicht hören. Wenden wir uns also dem Thema zu, um das es auf dieser Website seit mehr als 15 Jahren geht: Klassische Philatelie und Postgeschichte.

      Die Idee, Kataloge zum Thema dieser Jahresend-Betrachtung zu machen, kam mir schon, als ich im Sommer den aktualisierten Vergleich von Klassik-Katalogen veröffentlicht habe. Sie finden hier lose aneinander gereihte Beobachtungen, die ich bei der Recherche zu diesem Thema gemacht habe – irgendwelche Empfehlungen kann und will ich daraus nicht ableiten; die Bedeutung guter Kataloge steht für jeden ernsthaften Philatelisten ausser Frage, aber es gibt schon interessante Entwicklungen in diesem Sektor der philatelistischen Literatur …

 

Warum erscheinen Kataloge zu abgeschlossenen Gebieten wie den klassischen Ausgaben eines Landes jedes Jahr in neuer Auflage?

      Im letzten Jahr habe ich das bei mir schon lange bestehende, aber seit vielen Jahren stark vernachlässigte Sammelgebiet Antichi Stati Italiani wieder reaktiviert und mir in diesem Zusammenhang als erstes die aktuellen Versionen der Sassone-Kataloge zu Marken und Stempeln beschafft.

      Nachdem ich € 250,– (+ Versand + Zoll) für die beiden Bände bezahlt hatte und sie endlich in Händen hielt, wurden sie auf der entsprechenden Literatur-Seite eingefügt, und dabei schrieb ich ganz spontan, dass mir diese Kataloge jetzt sicher für die nächsten fünf Jahre genügen würden.

      Stop! An dieser Stelle ist einmal ein kurzes Innehalten angezeigt. Es gibt Länderkataloge, welche die kompletten Briefmarkenausgaben eines Landes vom Anfang (meist irgendwann in den Jahren 1840 – 1860) bis heute abdecken; diese Katalog erscheinen jährlich neu. Das ist nachvollziehbar, um Neuausgaben stets aktuell nachführen zu können. Es gibt aber auch etliche Kataloge, in denen die frühen Ausgaben in separaten Bänden behandelt werden; der Sassone ist ein typisches Beispiel dafür, auch der Michel Deutschland-Katalog ist in dieser Weise aufgebaut (Band 1: 1849 bis April 1945, Band 2: ab Mai 1945). Auch diese Kataloge erscheinen jährlich. Warum eigentlich?

      Die Verlage argumentieren mit aktualisierten Preisen und der Anpassung an aktuelle Forschungsergebnisse. Katalogpreise sind aber, wie jeder Sammler – gerade klassischer Ausgaben – weiss, ohnehin nur so etwas wie die „Richtgeschwindigkeit“ auf deutschen Autobahnen: Sie geben eine ungefähre Orientierung, in welchem Bereich man sich bewegt, aber im Einzelfall wird das – wiederum gerade bei klassischen Ausgaben – immer von Erhaltung/Qualität von Marke und Stempel abhängen, und da sind Katalogpreise wirklich nur eine sehr grobe Richtschnur, wie dieses Beispiel zeigt:

Screenshot der Website → Philasearch mit den Ergebnissen einer Suche nach Toscana/60 Crazie

      Die 60 Crazie der Toscana ist eine der grössten Raritäten der italienischen Staaten; Sassone notiert (Ausgabe 2021) für diese Marke ungebraucht € 200 000,– und gestempelt € 50 000,–. Die beiden besten Stücke (obere Reihe links und rechts) wurden jeweils zu 10 % des Katalogpreises ausgerufen; dass der „Lückenfüller“ (obere Reihe Mitte) selbst für weniger als 2 % der Katalognotierung unverkauft blieb, ist nicht verwunderlich; für dieses nicht einmal mehr lupenrandige, sondern brutal beschnittene Stück wären auch mir 900 Euro noch zu viel gewesen. Würde es jetzt einen Unterschied machen, wenn im Sassone 2022 die Notierungen um jeweils 5 % angehoben würden? Die Frage mag jeder Sammler für sich beantworten …

      Die „Berücksichtigung von Forschungsergebnissen“ ist sicher ein zunächst einmal einleuchtendes Argument für ständig aktualisierte Neuauflagen, auch hier gilt: Gerade Klassik-Sammler setzen sich mit ihren Marken sicher ganz anders auseinander als die Neuheiten-Abonnenten der Postverwaltungen.
      In der Klassik gab es tatsächlich gelegentlich Umstrukturierungen/Umnummerierungen, die dann natürlich im relevanten Länderkatalog berücksichtigt werden müssen und eine Neuauflage rechtfertigen. Ein Beispiel finden Sie bei der Aufstellung der Katalognummern zu den Kap-Dreiecken: Die früheren Stanley-Gibbons-Nummern 15–17 gibt es nicht mehr. Betrachtet man allerdings die Zeit, die es brauchte, bis sich der Schwaneberger Verlag endlich entschliessen konnte, dem Vineta- und Kieta-Provisorium die Hauptnummer im Katalog zu entziehen, lässt sich eine jährliche Neuauflage des entsprechenden Katalogs damit sicher nicht begründen.

      Der Schwaneberger-Verlag macht das unter dem von mir genannten Aspekt „Man braucht diese Kataloge nicht jährlich“ bei seinem Klassik-Europa-Katalog allerdings nach meiner Meinung richtig: Eine Neuauflage in (bisher) 10-Jahres-Abstand ist dem Thema angemessen.
      Man hätte allerdings die zehn Jahre zwischen erster und zweiter Auflage zu einer inhaltlichen Überarbeitung, vor allem der Abbildungen, nutzen können – vielleicht gelingt das ja mit dem Klassik-Übersee-Katalog. Das ist allerdings hier nicht das Thema; s. dazu den erwähnten Katalog-Vergleich.

      Auch die Michel-Privatpost-Kataloge schienen mit Ausgaben in den Jahren 1984, 1990, 1999 und 2005 auf einem guten Weg; sechs bis neun Jahre sind für dieses Gebiet passend. Bei jetzt aber schon fast 16 Jahren seit der letzten Auflage fürchte ich, dass das Gebiet von Seiten des Verlages gar nicht mehr gepflegt wird. (Das wäre schade, aber nicht einmalig: Der Werbemarken-Katalog von 1978 hat es nicht einmal zu einer zweiten Auflage geschafft.)

      Der Rekordhalter in Sachen Intervalle zwischen zwei Spezialkatalogen ist wohl die Firma Zumstein; nach dem letzten Zumstein Spezialkatalog Schweiz aus dem Jahr 2000 erwarten wir die Neuauflage für das Frühjahr 2021. Hier hat der Herausgeber, Herr Hertsch, die Zeit allerdings wirklich für umfassende Erweiterungen und Verbesserungen genutzt, wie ich beim mir dankenswerterweise gewährten Vorab-Blick auf einige Druckfahnen feststellen konnte.

      Dieses Konzept wird – mit kleineren zeitlichen Abständen – übrigens auch von der Redaktion des dänischen AFA-Katalogs verfolgt: Der jährlich erscheinende Standardkatalog wird durch in mehrjährigem Abstand neu erscheinende Ausgaben des Spezialkatalogs ergänzt. Vielleicht eine Idee für Michel?

 

Immer mehr Marken – immer mehr Kataloge

      Trotz eines generell zurückgehenden Bedarfs und Interesses an Briefmarken geben die Postverwaltungen aller Länder weiter in stetig steigendem Umfang neue Markenausgaben heraus, was logischerweise dazu führt, dass es immer mehr zu katalogisierende Stücke gibt. Kataloge müssen demzufolge immer umfangreicher oder immer zahlreicher werden; die Katalogherausgeber bevorzugen generell die zweite Variante.
      „Stamps of the World“ von Stanley Gibbons, der vereinfachte Weltkatalog, ist in den nur zehn Jahren von 2005 bis 2015 von vier auf sechs Bände angewachsen, und wenn ich die Michel-Verlagsverzeichnisse von 2012 und 2020 vergleiche, finde ich 2012 – relativ übersichtlich und auch bezüglich der Einordnung der Länder einfach nachvollziehbar – für Europa sieben Bände, 2020 mit den Bänden „Europa 1“ bis „Europa 16“ schon mehr als die doppelte Anzahl.

      Es wird sicher nur wenige Sammler geben, die jährlich knapp einen Meter im Bücherregal freiräumen und eine Investition von rund € 800,– tätigen (bei Händlern oder Auktionshäusern mag das anders aussehen), aber auch ein „normaler“ Sammler mit verschiedenen geographisch nicht in einer Region zusammenhängenden europäischen Sammelgebieten benötigt immer mehr Bände, um à jour zu bleiben (oder wird auf den Michel-Online-Katalog ausweichen – im Preis-Leistungs-Verhältnis nach wie vor ungeschlagen).

      Was meine ich mit „nachvollziehbarer Einordnung“? Ich habe im Lauf des letzten Jahres ein neues Gebiet für mich entdeckt (Fürstentum Montenegro), das ich spontan in Südosteuropa eingeordnet hätte. Da mich eben nur die klassischen Ausgaben des Fürstentums interessieren, habe ich mich nach einem antiquarischen, aber noch nicht allzu alten Michel-Katalog umgesehen und fand Montenegro in der Ausgabe 2018 bei „Südeuropa“. (In der aktuellen Europa-Serie 2020/2021 ist es jetzt bei „Westlicher Balkan“ eingeordnet.)

 

Die ASCAT hat sich aufgelöst – Katalogherausgeber sind offenbar keine Teamplayer

      Wenn Sie zufällig irgendwann nach Mitte Mai dieses Jahres auf dieser Site die Seite über die griechischen Hermesköpfe auf cremefarbenem Papier ohne Kontrollziffer (1880 – 1886) aufgerufen haben, wissen Sie es, ansonsten ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Information irgendwo im philatelistischen Grundrauschen der einschlägigen Medien untergegangen ist – und überhaupt, was geht mich als normalen Sammler das an?

      Worum geht es? Die ASCAT, die Association Internationale Editeurs de Catalogues de Timbres-poste (Internationale Vereinigung der Herausgeber von Briefmarkenkatalogen), hat sich aufgelöst. Sehr lesenswert ist die → Mitteilung auf der Website des APHV dazu: Offenbar sind, trotz des engagierten Einsatzes des letzten Präsidenten, Herrn Hohenester (Michel), wirklich zukunftsweisende Ansätze, die eine solche Vereinigung hätte umsetzen können, gescheitert, weil jeder Herausgeber lieber weiter „sein eigenes Süppchen kochen“ wollte. Die in diesem Artikel angesprochene digitale Bild-Datenbank wäre sicher eine gute Sache geworden, und vielleicht hätte man auch irgendwann einmal das von mir auf der oben zitierten Seite erwähnte Thema (endlich) einheitlicher Farb-Bezeichnungen angehen können.

      Es ist sehr schade, dass ein solches Zusammenarbeits-Projekt an Partikularinteressen gescheitert ist; die Zeiten werden für die Philatelie insgesamt und damit auch für Katalogherausgeber nicht einfacher, und solche Kurzsichtigkeit zeugt nicht von herausragenden Management-Qualitäten in den entsprechenden Verlagshäusern.
      Werden Sie als Sammler davon etwas merken? Vielleicht indirekt, wenn (vor allem kleinere) Katalogherausgeber irgendwann nicht mehr existieren und Sie Ihre gesamte Sammlung umstellen müssen. Sie halten mich für einen Pessimisten? Dann schauen Sie einmal nach Italien: Von Bolaffi, C.E.I. (Catalogo Enciclopedico Italiano), Sassone und Vaccari ist nur noch einer übrig …


Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 28. Dezember 2020, letzte Bearbeitung am 28. Dezember 2020.


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