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Klassische Philatelie und Postgeschichte – Einleitung

Qualitätskriterien bei klassischen Marken:
Ist eine „feine“ Marke wirklich fein?

      Ganz sicher nicht – „fein“ ist in philatelistischer Klassifikation so etwa die unterste Stufe, eine gerade noch sammelwürdige Erhaltung.

      Differenzierte Beurteilungen der Qualität einer Marke sind dem Sammler moderner Marken weitgehend unbekannt. Durch die Herstellung sind einwandfreie Zentrierung des Markenbildes auf der Marke und allseits perfekte Zähnung vorgegeben; Marken, die diese Kriterien nicht erfüllen, sollten bereits in der Druckerei als Makulatur ausgesondert und vernichtet werden. (1)
      Deutschland-Sammler kennen beim Posthorn-Satz noch eine Differenzierung in „perfekte Zähnung“ und „bei dieser Ausgabe übliche Zähnung“. Bei Marken ab etwa 1960 darf man allerdings einen in allen Aspekten einwandfreien Zustand erwarten, lediglich die Klarheit von Stempelabschlägen schafft noch Qualitätsunterschiede. (2)

      Bei klassischen Ausgaben sieht das etwas anders aus:

      Diese Qualitätskriterien, Schnitt/Durchstich/Zähnung, Zentrierung, Gummi und Stempel, kann jeder Sammler, z. B. beim geplanten Kauf auf einer Briefmarkenbörse, leicht und schnell selbst bewerten. (Wir gehen dabei davon aus, dass der Gummi und die Zähnung echt sind, s. u.)
      Andere Kriterien, die ebenfalls entscheidend für die Einordnung des Zustandes einer Marke und damit ihren Wert sind, erfordern schon eine etwas genauere Überprüfung. Ist die Marke im Papier intakt? Keine Einrisse, keine Nadelstiche oder Sandkornlöcher (3)? Keine dünnen/hellen Stellen („falzhell“ bei abgelösten Falzen)? Gibt es sonstige Anzeichen für Reparaturen (angesetzte Ränder oder Zähne)?

      Eine fachmännisch ausgeführte Reparatur lässt sich mit blossem Auge oder auch einer einfachen Lupe nicht mehr erkennen, dazu muss man die Marke bei hoher Vergrösserung und unter einer Prüflampe untersuchen. Reparaturen sind nichts grundsätzlich Schlechtes – in allen Museen der Welt finden Sie Kunstwerke, die restauriert oder repariert worden sind.
      Man muss allerdings unterscheiden zwischen reinen Schönheitsreparaturen, etwa dem Schliessen eines winzigen Lochs oder dem Aufhellen eines zu starken Stempelabschlags (natürlich müssen auch solche einem etwaigen Käufer gegenüber angegeben werden), und Eingriffen an der Marke, die geeignet sind, den Wert zu erhöhen: Das Ansetzen von Zähnen oder eine Nachgummierung sind schon sehr nah an der Grenze zur Verfälschung. (Wenn es meine Marke ist, wozu nachgummieren? Wann immer ich sie ansehe, weiss ich, dass der Gummi nicht echt ist – kann man daran Freude haben? Wenn ich das mache, weil ich die Marke verkaufen will, wozu dann diese Kosmetik? Dem Käufer wird sie auch keine Freude machen, ausser natürlich, er weiss es gar nicht … (4)) Verboten sind solche Manipulationen allerdings nicht, wir sind da in einer ähnlichen Situation wie bei den Werken von Fournier und Sperati.

Qualitätsstufen im Michel-Katalog Qualitätsstufen im Sassone-Katalog

      Gute Kataloge erleichtern den Sammlern die Einschätzung der Qualität einer Marke. Im Michel (links) finden Sie eine Übersicht über verschiedene Erhaltungsstufen in den Bereichen Schnitt / Durchstich / Zähnung / Zentrierung / Stempel, der Sassone (rechts) zeigt auf zwei Seiten unterschiedliche Qualitätsstufen am Beispiel farbiger Abbildungen von typischen klassischen Ausgaben, und im Vaccari (nicht abgebildet) sind alle relevanten Ausgaben Altitaliens auf vier Seiten in jeweils fünf Erhaltungsgraden farbig abgebildet.

      Im deutschsprachigen Raum werden die Qualitätsstufen üblicherweise, in aufsteigender Reihenfolge, eingeteilt in fein – feinst – Pracht – Kabinett – Luxus.
      Kabinett und Luxus sind für klassische Ausgaben reserviert (worauf seriöse Auktionshäuser explizit hinweisen); ein modernes Stück kann also maximal Pracht-Erhaltung haben.
      Ein „Prachtstück“ bezeichnet in der Klassik-Ära also gerade einmal eine mittlere Erhaltung, ist die Marke „fein“, nehmen Sie sie wohl nur in die Sammlung auf, bis Sie eine bessere finden oder wenn es ein „Sachsendreier“ ist.

      Die ganze Sache wird dadurch kompliziert, dass es keine verbindlichen Richtlinien für die Einstufung in die einzelnen Kategorien gibt (5); was bei einem Händler ein „Prachtstück“ ist, kann ein anderer, etwas optimistischer eingestellter Händler schon „Kabinett“ nennen.

      Beschreibungen in (Auktions-)Katalogen verwenden eine eigene Terminologie, die man kennen muss. Lesen Sie sich ein, vergleichen Sie Texte und Abbildungen. „Dreiseitig breitrandig“ heisst im Klartext, dass die Marke an der vierten Seite ziemlich radikal beschnitten ist. Ein „Lupenrand“ ist ein Rand, der wirklich nur noch unter der Lupe erkennbar ist; das Markenbild ist gerade eben nicht direkt angeschnitten. „Altsignatur“ oder „sign.“ (signiert) heisst, dass irgendwann einmal irgendwer einen Namenszug auf die Marke aufgebracht hat; so etwas ist natürlich kein Ersatz für ein Fotoattest oder, wenn es denn schon auf der Marke selbst sein muss, den Prüfstempel „XXXXX BPP“! Im übrigen wimmelt es in solchen Beschreibungen von „belanglosen“ Knicken oder Gummitönungen, „minimalen“ Flecken, „winzigen“ Schürfungen und ähnlichen Verniedlichungsformen. Denken Sie ausserdem immer daran, dass bei Auktionen die Regel gilt, dass eine Marke mit beschriebenen Mängeln wegen weiterer Mängel nicht reklamiert werden kann.

      Nehmen wir einmal an, Sie würden statt klassischer Briefmarken klassische Autos sammeln – es gibt ja tatsächlich Leute, die das tun. Übertragen wir einmal die philatelistische Auktionsterminologie auf dieses Gebiet:
      Jaguar E-Type Serie 1½, Baujahr 1968, 3 Radaufhängungen einwandfrei, linke Tür etwas grob verspachtelt, in Anbetracht der Seltenheit dieses Modells völlig belanglose Delle in der Motorhaube, winziger Kratzer auf dem Dach, Stossstange hinten minimal eingedrückt, sehr gut präsentierend.
      Sie sehen, was ich meine?

      Sie werden, was Qualitäts-Stufen klassischer Marken angeht, Erfahrung sammeln müssen. Erfreulicherweise kann man feststellen, dass die überwältigende Mehrheit aller Händler und Auktionshäuser absolut seriös arbeitet und sich im Fall berechtigter Reklamationen kulant zeigt. Bei Angeboten privater Anbieter auf Internet-Auktionen dagegen sieht das teilweise leider sehr anders aus; mehr dazu finden Sie auf der letzten Seite dieser Einleitung.

„Knochen“ auf eBay
Man glaubt es kaum: Dieses Lot stockfleckiger, geknickter, teilweise eingerissener Marken, bei denen man nicht einmal mehr einen „Lupenrand“ findet, wurde bei einer eBay-Auktion mit dem Vermerk „sehr gute Erhaltung“ angeboten. Vielleicht sollte der Verkäufer sich einmal mit ein paar philatelistischen Grundbegriffen vertraut machen oder einen Katalog kaufen …

Fussnoten:

  1. Was passiert statt dessen häufig? Auf irgendeine – mehr oder weniger legale – Weise entgehen diese Marken dem Reisswolf, und ein interessierter Handel nimmt sie begierig auf, stilisiert diese Makulatur zur „Rarität“ hoch und verdient nicht schlecht dabei. Eine Marke von 1980 oder 1990, bei der die Zähnung oder eine Farbe fehlt (was in Anbetracht der heutigen technischen Möglichkeiten schon verwunderlich ist, ausserdem: Gibt es keine Qualitätskontrollen?), ist Druckabfall, keine philatelistische Kostbarkeit.
  2. Siehe dazu auch: Volle Stempel, tolle Preise. DBZ/SE 10/2005, S. 25
  3. Zum Löschen von Tinte wurde häufig Sand verwendet. Kleine Körnchen konnten dabei die Marke beschädigen.
  4. Es gibt wirklich keinen (ehrlichen) Grund für eine Nachgummierung: Eine nachgummierte Marke wird bezeichnet „(*)“ und signiert wie eine Marke im Zustand „ungebraucht ohne Gummi“. Ein solcher Eingriff ist also, wenn vorher noch wenigstens Teile des Originalgummis erhalten waren, sogar eine wertmindernde Massnahme!
  5. Im Gebiet Schweden sind die Qualitätskriterien klar definiert; mehr dazu auf dieser Seite.

Literatur:


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Erste Veröffentlichung am 12. Juni 2005, letzte Bearbeitung am 5. Januar 2014.


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